Der Advent beginnt

Verheißung bricht sich Bahn

Ist  Advent nur Warten aufs Christkind? Viel mehr, sagen Lateinamerikas Christen, Advent ist eine ständige Verheißung. Tag für Tag warten wir auf Christi Wiederkunft und bauen mit an seinem Reich.

An diesem Sonntag (27.11.) gehen Katholiken in São Paulos Armenviertel Cachoeirinha zwei Stunden früher zur Messe. In Deutschland schalten dafür um 10 Uhr 800 000 Zuschauer eine halbe Stunde später als sonst den ZDF-Fernsehgottesdienst ein. Der wird aus São Paulo übertragen. Und so können Katholiken dies- und jenseits des Atlantiks gemeinsam Gottesdienst feiern mit São Paulos Erzbischof Odilo Scherer und Erzbischof Robert Zollitsch. Damit wird die Adveniat-Aktion 2011 eröffnet.

Vor 50 Jahren, zu Weihnachten 1961, gab es die erste Kollekte für die Kirche in Lateinamerika; rund 2,3 Milliarden Euro haben Deutschlands Katholiken seither gespendet. Gleichzeitig hat die Kirche Lateinamerikas die Christenheit an eine wichtige Botschaft Jesu erinnert: „Venga a nosotros tu Reino“ – dein Reich komme zu uns. In vielen religiösen Liedern Lateinamerikas spielt das Reich Gottes, seine Herrschaft, eine große Rolle. Es geht um Freiheit und Liebe statt Unfreiheit und Hass, Wahrheit und Freude statt Lüge und Trauer, Frieden und Gerechtigkeit statt Gewalt und Ungerechtigkeit.
„Durch die Unterstützung von mehr als 200 000 Projekten konnte Adveniat am Kommen des Reiches Gottes mitbauen“, sagt Bernd Klaschka, Geschäftsführer von Adveniat. Der Name des Werkes stammt von der lateinischen Vaterunserbitte „adveniat regnum tuum“ – dein Reich komme. Adveniat klingt nicht nur wie Advent, sondern hat auch damit zu tun.

Der Advent hat zwei Seiten. Bekannt ist die Vorbereitung auf Weihnachten. Die Erinnerung daran, als Gottes Sohn erstmals in diese Welt kam – geboren als Mensch vor gut 2000 Jahren. Eine Erinnerung „alle Jahre wieder“ – gefühlsbeladen und zunehmend kommerzialisiert.

Lichter anzünden ist so mühsam wie Straßen bauen

Andererseits ist Advent die Mahnung, dass Christus wiederkommen wird, um Gottes Reich zu vollenden. Das ist seit seinem Wirken in Galiläa zwar schon angebrochen, setzt sich aber nur mühsam durch. „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei …“ – Es stimmt: Gottes Herrschaft macht die Welt heller. Doch Tannengrün und Kerzen reichen nicht. Menschen sollen am Kommen des Reiches Gottes mitbauen: Bereitet dem Herrn den Weg!

Das Reich selbst wird Gott durchsetzen. Menschliche Versuche, das Paradies auf Erden zu errichten, endeten oft in einer Diktatur. Deswegen der Streit um die Theologie der Befreiung, von der manche meinten, sie führe im Fahrwasser sozialistischer Ideen zu einer Diktatur. Die falsche Alternative war und ist es, die Notleidenden, Verfolgten, Kranken, Gefangenen nur aufs Jenseits zu vertrösten. Auch darunter haben Menschen zur Genüge gelitten.

Gedanken zum Advent aus Lateinamerika lauten also auch: Betet und packt an, damit Gottes Reich komme, sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden …

Roland Juchem