31.03.2017

Darf man heute noch trauern?

In tiefster Trauer

Viele waren gekommen, um Lazarus’ Schwestern Marta und Maria zu trösten. Jesus selbst weinte und war erschüttert, erzählt der Evangelist Johannes. Trauer: ein Gefühl, das Hinterbliebenen heute nicht mehr zugestanden wird.


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Eine lange Trauerzeit wird Hinterbliebenen heute nicht mehr zugestanden. Foto: fotolia

Als ihr Sohn gestorben ist, nach schwerer Krankheit mit gerade einmal 31 Jahren, war sie selbst 61. Fünf Jahre später starb ihr Ehemann. Mascha Kaleko, die polnische Lyrikerin, wusste also genau, was es heißt, um einen geliebten Menschen zu trauern. Und weil sie Dichterin war und das Wort ihre Stärke, konnte sie ausdrücken, was so viele Menschen empfinden, wenn einer der Liebsten nicht mehr ist: „Bedenkt, den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod des andern muss man leben.“

In der Tat, das eigene Leben geht weiter, auch wenn ein anderes geendet hat. Beinahe unbarmherzig schlägt das eigene Herz weiter, während das des geliebten Menschen stillsteht. „Ich glaube, dass man sich auf Trauer nicht vorbereiten kann. Selbst wenn wir die Möglichkeit haben, uns von einem geliebten oder gut bekannten Menschen würdevoll zu verabschieden, so können wir uns doch nicht vorstellen, wie es ist, wenn dieser Mensch plötzlich nicht mehr da ist“, sagt Christiane zu Salm.

Niemand weiß, was mit der Trauer kommt. Deswegen haben wir Angst

Die Medienunternehmerin, seit Jahren als ehrenamtliche Hospizbegleiterin tätig, hat in ihrem Buch „Weiterleben – nach dem Verlust eines geliebten Menschen“ Aussagen Trauernder versammelt. Keiner könne sich wirklich vorstellen, „wie sich das Leben dann anfühlt, welche Lücke der verstorbene Mensch reißt oder auch nicht, wie das Leben dann weitergeht.“ Und deswegen haben wir meistens Angst.

In den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist – und dafür war es höchste Zeit – der Tod aus seiner Tabuzone herausgetreten und zu einem allgemein behandelten Thema geworden. Sterben wurde (wieder) zum Teil des Lebens, auch durch die so wichtige Hospizbewegung. Deutlich weniger indes wird über Trauer gesprochen. Die findet weitgehend hinter verschlossenen Türen statt. Traurig sein über den unwiederbringlichen Verlust eines Menschen ist Privatsache. Tränen, als eines von vielen möglichen nach außen sichtbaren Zeichen der Qual, die einer durchmacht, sind selten zu sehen. Trauerrituale, die Halt und Trost geben können, ebenso. „Stille Beisetzungen“ werden gewünscht, eine Einladung zum gemeinsamen lauten Wehklagen würde hierzulande für Kopfschütteln sorgen. Trauerkleidung, die auch dazu diente, Außenstehenden zu signalisieren, dass da jemand ist, der Schutz braucht, Anteilnahme und Hilfe, hat weitestgehend ausgedient. Als wolle man niemanden mit seinem Schmerz belästigen. Dass ein trauernder Mensch ein Beschwernis für das eigene Leben ist, daran besteht kein Zweifel. Darüber, ob es wirklich unzumutbar ist, das Leid eines anderen zu teilen und es dadurch im besten Fall ein kleines bisschen erträglicher zu machen, lohnt es sicher nachzudenken.

Wie Marta und Maria im Evangelium, erlebt jeder die Zeit des Trauerns auf seine Weise. Und weil es dafür keinen Plan gibt, keine einheitliche Struktur, fehlt es an Orientierung. Jeder muss für sich seinen Weg finden, wie er mit Trauer, Wut, Schuldgefühlen, Sehnsucht, Verzweiflung und Angst umgeht. Während der eine die Gesellschaft anderer Menschen als unerträglich wahrnimmt, empfindet ein anderer die Gemeinschaft als Segen. Die einen müssen Bilder des geliebten Menschen von der Wand reißen – zu schmerzhaft ist der Anblick. Die anderen bauen kleine oder größere Erinnerungsaltäre, weil sie sich dem Verstorbenen auf die Weise wohltuend nah fühlen. Während die einen nur ganz schwer Schlaf finden und nächtelang durch die Wohnung tigern, sind andere von den körperlichen Strapazen, die Trauer eben auch verursacht, so niedergedrückt, dass sie das Bett kaum verlassen können.

Glaube kann trösten – aber der Glaube kann auch verloren gehen

Oftmals rückt das Thema Glaube in diesen Zeiten näher heran. Und auch hier ist alles möglich: Nach dem Tod eines Menschen kann man zum Glauben finden und aus ihm Trost schöpfen. So haben alle Gläubigen, mit denen Christiane zu Salm gesprochen hat, „Halt gefunden in Gott, in tiefem Glauben daran, dem geliebten Menschen wieder zu begegnen.“ Und der Glaube hat ihnen auch dabei geholfen, „den Verlust nicht persönlich zu nehmen, nicht als Strafe, sondern als etwas, das zum Leben dazugehört.“ Genauso gut kann es aber auch passieren, dass einem der Glaube in dieser Phase abhandenkommt, weil hinter all dem Leid kein Sinn mehr erkennbar ist. Und weil die christliche Auferstehungshoffnung heute so vielen Menschen schwerfällt. 

Allen gemeinsam ist jedoch die Frage: Wann wird es besser werden? Wird nach der Zeit des Trauerns wieder so etwas Ähnliches wie Lebensfreude einkehren? Patentrezepte gibt es, wie so oft, auch beim Trauern nicht. Hilfreich kann es aber sein, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die ebenfalls gerade mittendrin in einem dunklen Loch sitzen oder auch mit solchen, die sozusagen das Schlimmste schon überstanden haben. Trauertreffs und Selbsthilfegruppen können taugliche Anlaufstellen sein. Seelsorger und Therapeuten bieten ihre Dienste an und können Halt geben.

Kleine Schritte machen – von Tag zu Tag, denn loslassen braucht Zeit

„Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Und so wie jeder anders liebt, trauert auch jeder anders“, sagt Christiane zu Salm. Wichtig sei es, „sich selber in dieser Zeit nichts abzuverlangen. Sich halten zu lassen vom Glauben, von Freunden oder von der Familie. Und nur kleine Schritte zu machen, Tag für Tag.“ Loslassen können – und um nichts Geringeres geht es ja in der Trauer – braucht Zeit. Die Botschaft der Menschen, deren Erfahrungen zu Salm in ihrem Buch versammelt, lautet: Die Dunkelheit scheint undurchdringlich, die Qualen sind kaum auszuhalten und der eigene Tod scheint oftmals der bessere Weg als das Weiterleben. Aber – und das bezeugen die in dem Buch befragten Frauen und Männer – es gibt einen Ausweg aus dem Tal der Tränen, und es lohnt sich, danach zu suchen.

Von Susanne Holzapfel