01.02.2017

Schönheit im Alter

Spieglein, Spieglein an der Wand

Die Lippen zu schmal, die Nase zu groß, die Augen zu klein – schon junge Menschen hadern mit ihrem Spiegelbild. Wie mag es da Hochbetagten ergehen, deren Gesichter Geschichten eines langen Lebens erzählen? Welche Rolle spielt Schönheit im Alter? Zwei Damen und ein Herr geben Antwort. 

 

Bewegungsübungen, ein dezentes Make-up, gut frisiertes
Haar - darauf achtet Hannelore Biel jeden Tag.
Foto: Heike Sieg-Hövelmann

„Ich möchte nicht aussehen wie ’ne alte Oma“, sagt Margot Hemfort und fährt mit ihrem Rollstuhl ein paar Zentimeter nach vorn. „Wie alt würden Sie mich denn schätzen?“, fragt sie mit offenem Blick, wohl ahnend, dass die genannte Zahl weit unter ihrem biologischen Alter liegen dürfte. „Ich bin schon 88“, berichtet sie dann stolz und zupft das mit einer Brosche verschlossene Tuch über ihrer modischen Bluse zurecht. Sie nehme sich viel Zeit für die Schönheits- und Körperpflege. „Das muss sein, gerade im Alter. Und wenn ich jünger wirke, befriedigt mich das.“ 

Mit dieser Einstellung steht Margot Hemfort nicht allein da. Laut „Verbraucher-Analyse“ aus dem Jahr 2012 finden fast 80 Prozent der Deutschen das eigene Aussehen sehr wichtig, elf Prozent mehr als 2002. Bei den über 70-Jährigen verzeichnet der Wunsch, attraktiv zu erscheinen, mit einem Plus von 14,5 Punkten auf 67 Prozent gar den stärksten Zuwachs aller Altersgruppen.

„Für mich ist das Lebensqualität, und ich bin froh, dass ich dafür noch selbst Sorge tragen kann“, erklärt Margot Hemfort. Und ernsthaft fügt sie hinzu: „Es hätte auch anders kommen können.“ Vor einigen Jahren starb ihr Mann, davor hatte sie einen Unfall. „Ich war Monate im Krankenhaus, habe 54 Pfund abgenommen und kann seitdem nur mit Hilfe laufen.“ Im Franziskushaus in Mülheim/Ruhr fand die aparte Seniorin ihr neues Zuhause. Hier kam sie wieder zu Kräften und schöpfte Lebensmut. 

 

Gepflegt aussehen – das ist auch eine Frage der Würde

Wenn er unter die Leute geht, dann trägt Franz
Sechelmann eine sorgfältig gebundene und 
geschmackvolle Krawatte. Foto: H. Sieg-Hövelmann

Und den Rat ihrer Tochter – „Mach alles so, wie du es gewohnt bist, damit du dich wohlfühlst“ – beherzigt sie. Dazu gehört auch die Fürsorge für die eigene Optik. „Schon immer habe ich mich gern schön gemacht“, betont die 88-Jährige, die früher mit ihrem Mann einen Gastronomiebetrieb führte. „Trotz meiner korpulenten Figur war ich zufrieden mit mir.“ Dass sich Menschen ohne Grund gehen lassen und nicht auf sich achten, ist ihr unverständlich. „Die möchte ich am liebsten anspornen: ,Mach dir die Haare zurecht, zieh dir was Hübsches an.‘ Das hebt doch gleich das Selbstbewusstsein.“ 

Im Seniorenstift gibt es neben dem Friseur „Flotte Locke“ sogar einen Schönheitssalon. Hier lassen sich Bewohner gern verwöhnen. „Das tut jedem gut“, ist Isabelle Bischof, Kosmetikerin und Alltagsbegleiterin in der Einrichtung, überzeugt. „Den Männern, die bei Massage entspannen, genauso wie den Frauen, die mit schicker Frisur und frischem Make up den Salon verlassen.“ Gepflegt auszusehen, ist ihrer Ansicht nach ein zutiefst menschlicher Wunsch und letztlich auch eine Frage der Würde. 

„Natürlich hätte ich die Falten lieber am Hintern als im Gesicht“, meint Hannelore Biel, die seit einem Jahr im Seniorenstift Haus Maria Frieden in Gevelsberg wohnt. „Doch ich sage Ja zu meinem Alter und bin dankbar für jeden Tag, für jede Stunde, für jede Minute. Vor allem, dass mein Köpfchen funktioniert.“ 

 

Wenn die Farben nicht harmonieren – das stört

Margot Hemford nimmt sich Zeit für Körper- und Schönheitspflege.
Sie freut sich, dass man sie meist für jünger hält, als sie ist.
Foto: H. Sieg-Hövelmann

Die 90-Jährige war schon immer eine auffallend schöne Frau. Gut gekleidet und topgepflegt ist sie bis heute: Bereits im Bett macht sie frühmorgens ihre Übungen, kreist die Arme, bewegt Hände und Finger. Nach der Dusche mit Massagebürste dreht sie ihr Haar auf, cremt sich ein, legt ein dezentes Make up auf und frisiert sich.

„Ich selbst finde mich aber, wenn ich in den Spiegel gucke, ganz normal. Und mein Aussehen war mir eher egal“, versichert die alte Dame, „nur ordentlich musste es sein.“ Das habe ihre Mutter, eine Weißnäherin, ihr und den drei Schwestern vorgelebt. „Sie hat uns stets schön ausstaffiert und war selbst todschick“, erinnert sich die fünffache Uroma.
In ihrem Berufsleben als Geschäftsfrau – Hannelore Biel hatte mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann Schuhgeschäfte mit Fußpflege – sei sie gezwungen gewesen, gut auszusehen. „Ich musste mich manchmal zweimal am Tag umziehen, weil manche Kundinnen sonst kritisierten: ,Das hatten Sie aber schon heute Vormittag an‘“, sagt die Seniorin.

Ihre eigene Attraktivität sei ihr erst bewusst geworden, als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Freundinnen ihren ersten Tanzkurs besuchte. Die Worte eines ihrer Verehrer, die sie seinerzeit reihenweise abblitzen ließ, sind ihr im Ohr geblieben: „Mit der brauchst du gar nicht anzubändeln, die ist ein Männerfeind sondersgleichen.“ 

 

Fast überall kann man ihr begegnen – der Schönheit

Ob ein Mensch gut oder weniger gut aussieht, störe sie nicht im Geringsten. Die Lebenserfahrung habe sie jedoch gelehrt: „Achte auf die Ausstrahlung und vertraue deinem Gespür! Ich merke sehr schnell: Der ist okay, oder von dem halte dich besser fern, da wirst du enttäuscht.“ 

Franz Sechelmann aus Münster arbeitete viele Jahre als Grafiker und ist ein Ästhet geblieben. „Ich mag es nicht, wenn Männer Farben tragen, die nicht zusammenpassen, oder gestreift, gepunktet und kariert.“ Der 79-Jährige, der ein Appartement bewohnt, geht zweimal in der Woche zur Tagespflege in das Mehrgenerationenhaus Mathildenstift. „Dann rasiere ich mich besonders gründlich und lege Aftershave auf“, berichtet der Senior. Schließlich seien auch die meisten anderen Gäste dort adrett und gepflegt. „Doch so überkandidelt wie früher, wo ich zweimal am Tag meine Krawatte gewechselt habe, bin ich nicht mehr. Das war ein Spleen.“ 

Zu sich selbst hatte er eher ein kritisches Verhältnis. „Gut aussehend fand ich mich nie. Vor allem, als ich eine Glatze bekam, fühlte ich mich unattraktiv. Doch heute stehe ich darüber.“ Sein Empfinden für Schönheit habe sich verändert. „So kann ich mich inzwischen genauso über eine Obstschale erfreuen, aus der mich rote Äpfel anlachen, wie über einen Baum in Herbstfarben oder eine freundliche gutaussehende Frau.“ Und er zitiert seinen Lieblingsdichter Christian Morgenstern: „Schön ist alles, was man mit Liebe betrachtet!“

Von Heike Sieg-Hövelmann