17.11.2017

Fazit zum Klimagipfel in Bonn

"Sehr viel Luft nach oben"

Die Weltklimakonferenz in Bonn ist Geschichte. Wie es nun weitergeht - und was der Papst damit zu tun hat, erläutert Kathrin Schroeder im Interview. Schroeder ist Klima-Expertin des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor und hat das Bonner Treffen die ganzen zwei Wochen über begleitet.


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Klima schützen - Armut stoppen: Menschen demonstrieren für mehr Klimagerechtigkeit mit Plakaten des katholischen Hilfswerks Misereor. Foto: kna


Frau Schroeder, die Weltklimakonferenz in Bonn ist am Freitag zuende gegangen - was haben die Verhandlungen aus Ihrer Sicht an konkreten Ergebnissen gebracht?
Die Konferenz ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir uns in einem Prozess befinden: der Umsetzung des Klima-Abkommens von Paris. Dieser Prozess braucht eine Struktur und daran haben die Delegierten gearbeitet.


Das klingt eher abstrakt.
Ist aber nicht unwichtig. Drei weitere Punkte halte ich davon abgesehen für spannend: Auf der Konferenz wurde erstens klar, dass wir weitere wissenschaftliche Analysen zum Klimawandel brauchen, und zweitens, dass wir noch mehr auf besonders verwundbare Gruppen wie etwa die Indigenen schauen müssen.


Und drittens?
Wurde nach langwierigen Verhandlungen ein Arbeitsprogramm zur Landwirtschaft auf den Weg gebracht. Zusammengenommen heißt das: Wir müssen noch mehr wissen über den Klimawandel und die besonderen Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerung vor Ort. Und wir müssen natürlich mehr tun.


Das gilt offenbar auch für die finanzielle Unterstützung von Entwicklungsländern bei Anpassungsmaßnahmen und der Bewältigung der jetzt schon eingetretenen Schäden durch den Klimawandel.
Das Thema Klimafinanzen steht oft wie der weiße Elefant im Raum. Ohne zusätzliches Geld oder entsprechende Zusagen können gerade Entwicklungsländer weder Klimaschutzpläne aufstellen noch umsetzen, sie können nicht mehr Wissen aufbauen über Anpassungsmaßnahmen, die notwendig sind. Und dann kommen eben noch die Schäden und Verluste hinzu, die sich gar nicht mehr aufhalten lassen.


Eine knifflige Angelegenheit.
Ich glaube, das Thema wird uns im nächsten Jahr sehr intensiv begleiten - weil da noch große Uneinigkeit herrscht.


 

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Kathrin Schröder, Klima-Expertin bei Misereor
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Was halten Sie von den Klimaversicherungen, die in Bonn vorgestellt wurden?
Solche Initiativen sind zweifelsohne sinnvoll. Aber es reicht einfach nicht, um das Thema Verluste und Schäden wirklich anzugehen.


Warum?
Weil besonders verwundbare Gruppen daran nicht angemessen partizipieren können. Einige Schäden wie zum Beispiel die Versalzung von Grundwasser lassen sich ohnehin nicht versichern. Was macht man dann?


Wie hat sich Deutschland bei der Weltklimakonferenz präsentiert?
Dass Deutschland seine Klimaziele für 2020 aller Voraussicht nach verfehlen wird, ist wirklich ein Problem. Das haben viele Entwicklungsländer deutlich gemacht. Insgesamt müssen die Industriestaaten deutlich mehr tun beim Klimaschutz und zwar vor 2020, also bevor das Abkommen von Paris und die nationalen Klimapläne greifen.


In Berlin liefen parallel die Jamaika-Sondierungen. Hat das einen Einfluss auf den deutschen Auftritt gehabt?
Das war schon ein Blockade-Faktor, ganz klar. Andererseits haben sich viele Teilnehmer lobend über die Rolle Deutschlands bei den Verhandlungen selbst geäußert. Mit deutscher Unterstützung kamen viele kritische Themen auf den Tisch.


Nach der Konferenz ist vor der Konferenz - wie geht es jetzt weiter mit Blick auf das nächste Treffen 2018 in Polen?
In Bonn wurde ein Rahmen für das Regelbuch abgesteckt, das die praktische Umsetzung des Klima-Abkommens in Paris ermöglichen soll. Wir haben jetzt ungefähr ein Jahr Zeit, um dieses Regelbuch fertigzuschreiben. Das bedeutet allerdings noch ordentlich Arbeit für die verhandelnden Staaten.


Warum?
Im Moment liegen einfach noch sehr viele Optionen auf dem Tisch, die zudem teilweise gegenläufig sind. Das Dokument hat über 200 Seiten. Es wird wohl noch ein weiteres Zwischentreffen geben.


Was steht nun bei Misereor in Sachen Klimapolitik auf der Agenda?
Natürlich unterstützen wir weiter Partnerorganisationen in ihren Programmen für Anpassung an den Klimawandel. Aber wir werden auch verstärkt gemeinsame Strategien für eine globale Energiewende und den weltweiten Stopp der Kohlenutzung entwickeln. Wir wollen uns die großen Städte besonders anschauen. Was kann deren Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel sein und wie kann dieser Beitrag so gestaltet werden, dass besonders verwundbare Gruppen wie Menschen in Armenvierteln nicht von Anpassungsmaßnahmen verdrängt werden? Klimaschutz und Menschenrechtsverletzungen - das darf man nicht gegeneinander ausspielen.


Wie könnte er denn aussehen - der Klimaschutz der Zukunft?
Bonn hat gezeigt: Es haben sich schon eine Menge Akteure auf den Weg gemacht. Nicht nur Länder, sondern auch Organisationen der Zivilgesellschaft sowie Städte und Kommunen. Das ist sehr motivierend.


Es gibt Vorstöße, vermögende Privatpersonen und Unternehmen stärker in den Klimaschutz mit einzubeziehen - auf freiwilliger Basis. Was halten Sie davon?
Wenn es Leute gibt, die sich davon motivieren lassen und sagen: Ja ich möchte gerne meinen Beitrag leisten, dann ist das eine gute Idee.


Aber?
Was ich bisher bei vielen reichen Menschen leider wahrnehme: Die haben daran gar kein Interesse, die wollen weiter in ihrem Luxus leben. Das ist übrigens ein Phänomen, das in Entwicklungsländern wie in Industrieländern gleichermaßen zu beobachten ist. Es gibt eine globale Gruppe Menschen, man kann sagen eine emissionsintensive Elite, an die müssen wir ran. Und ich glaube, da kommen wir nicht ohne Regulierung aus.


In der Mitte der Konferenz hat Papst Franziskus Vertreter der Pazifikstaaten empfangen, zum Ende hat er die Teilnehmer dazu aufgerufen, beim Klimaschutz nicht nachzulassen. Was kann einer wie Franziskus auf der politischen Ebene bewirken?
Die symbolische Wirkung gerade bei Vertretern, die aus katholisch geprägten Ländern kommen, darf man nicht unterschätzen. Mindestens genauso wichtig ist, dass seine Botschaft in der Kirche selbst gehört wird. Dass sich Bistümer und kirchliche Einrichtungen davon motivieren lassen, als nicht-staatliche Akteure noch mehr für den Klimaschutz zu tun. Und ich glaube, da haben wir noch sehr viel Luft nach oben.

kna