Wer arm ist, wird häufiger krank und stirbt früher als der Durchschnitt. Mit seiner Jahreskampagne 2012 prangert der Deutsche Caritasverband Lücken im Gesundheitssystem an und fordert eine Abschaffung der Praxisgebühr.
Die Zahlen aus dem Gesundheitsreport des Robert-Koch-Instituts sind erschreckend: Arme Frauen sterben im Schnitt acht Jahre früher als wohlhabende. Bei Männern liegt der Unterschied sogar bei elf Jahren. „Wo es an Einkommen, Perspektiven oder Bildung fehlt, ist Krankheit ein ständiger Begleiter“, sagt der Präsident des Deutschen Caritasverbandes (DCV), Peter Neher. Das höchste Krankheitsrisiko – neben Obdachlosen und Asylbewerbern, die zumeist keine Krankenversicherung haben – tragen Langzeitarbeitslose. „Sie werden doppelt so oft krank, gehen doppelt so oft ins Krankenhaus.“
Nach EU-Kriterien gilt als arm oder armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des landesdurchschnittlichen Nettolohns erwirtschaftet. Für Singlehaushalte sind dies weniger als 940 Euro, für eine Familie mit zwei Kindern 1974 Euro und weniger. Betroffen ist demnach fast jeder sechste Deutsche, rund 12,6 Millionen Menschen – also längst keine Minderheit.
Hartz-IV-Empfänger und Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben, verzichten immer häufiger auf den Arztbesuch und können sich Medikamente oder die Zuzahlungen für Krankengymnastik nicht leisten. Daher fordert die Caritas die Abschaffung der Praxisgebühr, deren Bürokratieaufwand ohnehin viel zu hoch sei. Dass Armut krank macht, sei gerade in einem der reichsten Länder der Erde mit einem an und für sich recht guten Gesundheitssystem eine Provokation, so Neher.
Caritas: Praxisgebühr
abschaffen
Die Kombination von Armut und Krankheit hat oft eine psychische Komponente. „Ein Mangel an Perspektiven in der Selbstwahrnehmung führt nachweislich zu höherer Sterblichkeitsrate“, heißt es in einem Caritasreport. Anders formuliert: Wer in der Arbeitswelt nicht mehr gebraucht wird oder kaum Aufstiegschancen hat, fühlt und schätzt sich selbst nicht mehr wert, isoliert sich aus Scham, vereinsamt schneller und neigt eher zu selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, raucht und trinkt womöglich zu viel.
Laut Neher ist Krankheit schon nach biblischen Maßstäben „eine umfassende Lebensstörung“. Eine Studie der Betriebskrankenkassen belegt: Menschen mit geringem Einkommen nehmen doppelt so häufig Psychopharmaka ein. Auch hat sich die Zahl der Verordnungen in den letzten drei Jahren fast verdoppelt.
Obdachlose sterben im
Schnitt 30 Jahre eher
Das Schlimmste: „Armut wird vererbt“, sagt Elisabeth Frischhut vom Caritasreferat Gesundheitsförderung. Besonders Kinder leiden unter körperlichen und seelischen Folgen der Armut, übernehmen oft die ungesunden Ernährungsgewohnheiten der Eltern. Besonders dramatisch ist die Situation am äußersten Rand der Gesellschaft. Die rund 250 000 Obdachlosen der Republik, so hat es die Uni Hamburg-Eppendorf errechnet, haben eine Lebenserwartung von nur 46 Jahren, also 30 Jahre weniger als der Durchschnitt.
Andreas Kaiser