Ob in Mainz, Köln oder im Süden Deutschlands. In den katholischen Hochburgen geht es an Karneval und Fassenacht hoch her. Umso wichtiger, dass ein Katholik grundlegendes und auch nicht so grundlegendes Wissen über die fünfte Jahreszeit besitzt.

1. Karneval und Fastnacht entspringen dem christlichen Jahreslauf als Schwellenfest vor der Fastenzeit. Die Bezeichnungen Fastnacht, also die Nacht vor Fasten, und Karneval von lateinisch ‚carnelevare‘, zu übersetzen mit „Fleischwegnahme“, belegen diese Herkunft auch begrifflich.
2. Nicht nur Fleisch zu essen, auch der Fleischeslust nachzugehen, war früher in der Fastenzeit streng verboten. Enthaltsam ging es deshalb in der fünften Jahreszeit selten bis nie zu. Um nicht zu sündigen, waren die Tage vor Aschermittwoch bei jungen Paaren ein beliebter Hochzeitstermin.
3. Die Ausschweifungen des Karnevaltreibens zeigen sich auch bildlich im Aussehen des Narren. Die Narrenkappe ist nämlich geformt wie ein Hahnenkamm. Der Hahn versinnbildlichte in der frühen Neuzeit (13. bis 17. Jahrhundert) als symbolisches Motiv nichts anderes als die „Geilheit“, also die Todsünde der Wollust.
4. Überhaupt verdankt der heutige Narr viel von seinem Aussehen frühen christlichen Bildmotiven. Vor allem Bibelillustrationen zum Psalm 52. Dort heißt es: „Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ Illustriert wurde dieser Psalm schon im 13. Jahrhundert mit Figuren, die Zepter und Narrenkappe trugen.
5. Biblisch hergeleitet werden auch die Schellen des Narren. „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich wie ein klingendes Erz und eine tönende Schelle“, steht im ersten Korintherbrief. Dem Narr fehlte aber die Gottes- und Nächstenliebe. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil war nach der Leseordnung genau diese Stelle am Fastnachtssonntag vorgeschrieben.
6. Die katholische Kirche hatte stets ein gespaltenes Verhältnis zur fünften Jahreszeit. In dem Buch „Das Narrenschiff“, ein damals großer Erfolg, schreibt Sebastian Brant im Jahr 1495: „Der Teufel hat das Spiel erdacht.“
7. Das glauben heute wohl nur noch die wenigsten. Sonst hätte Kardinal Joseph Ratzinger auch kaum den Karl-Valentin-Orden der Münchner Faschingsgesellschaft „Narhalla“ angenommen, mit dem er im Jahr 1989 ausgezeichnet wurde.
8. Ist diese Ehrung bei dem feinsinnigen Humor des Papstes nachvollziehbar, muss folgende Tatsache bei Katholiken auf Unverständnis stoßen: Bei zahlreichen Kostümanbietern im Internet kostet nämlich ein Messdienergewand fünf Euro mehr als ein „Papstkostüm“. Das gibt es schon für 35 Euro. Noch mal fünf Euro günstiger ist übrigens das Kardinalsgewand.
9. Nicht aus dem Internet, sondern aus den kirchlichen Requisitenkammern für geistliche Schauspiele stammten dagegen früher viele Schreckmasken. Um das Böse darzustellen, lagerten dort viele dämonische Verkleidungen, die beim Kirchenpfleger ausgeliehen werden konnten.
10. Kostümierungen sollen übrigens für Kinder sehr gesund sein. Der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten sagt, das närrische Treiben sei Balsam für die Kinderseele. Denn Kostüme verleihen Macht: „Alles, was ein Kind sonst nicht ist, weil es eigentlich zu klein oder zu ohnmächtig ist, kann es jetzt mal ausprobieren.“
11. Dass hier elf Punkte stehen und die Narren mit der Elf so jonglieren, hat übrigens auch einen christlichen Ursprung. Die Zehnzahl der göttlichen Gebote um eins überschritten, die Zwölf der Apostel nicht erreicht. Also, ein Inbegriff der Unzulänglichkeiten und Verkehrtheit der Welt, die vor der Fastenzeit aber jeder Katholik feiern darf.
Von Daniel Gerber