"Heftig" rührt an. Doch einen Nachrichtenwert hat das Portal nicht.

Klicks per Kullerauge

Heftig.co ist ein Internetphänomen der besonderen Art: Mit plüschigen Fotos und rührigen Tiervideos generiert die Seite tagtäglich zigtausende, werbeträchtige Klicks. Doch fast sämtliche Inhalte sind geklaut, beziehungsweise „kuratiert“ wie man neuerdings sagt…

Mit diesem Bild fängt Heftig auf Facebook Klicks (Foto: Facebook)

Am Anfang war das große Kullerauge. Egal ob Kind, Mädchen oder Tier. Keine Frage die meisten Foto- oder Video-Stories, die der Kanal „Heftig“ da seit nunmehr drei Jahren vor allem über Facebook verbreitet, rühren an. Irgendwie jedenfalls. Sie sind das locker, fluffige Gegenstück zu Meldungen über immer neue Katastrophen, Kriege oder Flüchtlingswellen. Sozusagen die wohlfühlige Zerstreuung, während die weltpolitische Lage eher zur Depression ruft… Doch wer sich etwas länger im Netz rumtreibt (wie das so ein Webreporter nun mal tut J ), wird unweigerlich feststellen, man hat das alles irgendwo schon mal gesehen. Tatsächlich geben die Macher von Heftig.co - Michael Glöß und Peter Schilling – dann auch offen zu: „Heftig sammelt und veröffentlicht Geschichten aus dem Leben“. Die Betonung sollte hier wohl auf „sammelt“ liegen… Obwohl also fast sämtliche Beiträge nur „kuratiert“ (aufbereitet, ausgestellt) sind, wie man neuerdings das „Abkupfern“ von Inhalten im Szenejargon nennt, sind die meisten Heftig-Beiträge wahre virale Hits!

Alles nur geklaut

Nur Emotionen. Nachrichten ohne Nachrichtenwert (Bildschirmfoto heftig.de) 

Das Echo auf die Beiträge ist allerdings recht zwiegespalten. Während Nutzer wie Patrick oder Klara Heftig.co zumeist laut loben („Das gibt mir ein wenig den Glauben an die Menschheit zurück“ – „Tolle Seite. Unfassbar emotionale Geschichten!“) sind viele professionelle Medienmacher eher entsetzt. In einem Kommentar des Branchenmagazins Netzwelt ereiferte sich Autor Christian Rentrop. „Mal unter uns, liebe Internetgemeinde: heftic.co? Ernsthaft? Das lässt ja schon tief blicken, findet Ihr nicht? Da ackert und recherchiert der Journalist, testet und vergleicht, workshoppt und kommentiert, fotografiert und empfiehlt, nur um am Ende fünf lausige Kommentare, sechs Likes und drei Tweets zu erzielen. Und nebenan schafft es eine rührselige Quatschseite namens heftig.co binnen nicht einmal vier Monaten, 750.000 Facebook-Freunde und Millionen Likes mit geklauten Inhalten einzusammeln. Da stellt sich der Journalist doch die Frage, womit er eigentlich den ganzen Tag seine Zeit verschwendet, wenn es doch reicht, täglich ein bis zwei völlig banale, aber pathetisch betitelte Blogeinträge abzuwerfen.“

Tatsächlich ist das Rezept von Heftig.co, wie einst auch die Stuttgarter Zeitung schrieb, so simpel wie erfolgreich. „Man sammle in den Weiten des Internet gefühlsbetonte Videos, versehe sie mit Spannung versprechenden, klickfreundlichen Überschriften – und setze auf die massenhafte Verbreitung in sozialen Medien.“ Bereits Mitte 2014 lag die Reichweite des erst Ende 2013 gestarteten Portals in den Sozialen Netzen deutlich vor jenen der großen, seriösen Zeitungen. Auch heute ist das „Baby“ der Potsdamer Gründer Glöß und Schilling eine einzige Erfolgsgeschichte. Mit 2.140.559 Likes auf Facebook (Stand 02.Mai 2016) ist das Portal beliebter als viele andere, hochprofessionelle Mediendampfer. Während sich Bild bei Facebook immerhin etwas mehr als 1,9 Millionen „Sympathisanten“ stützen kann, hat dort Spiegel Online gerade mal etwas mehr als eine Million „Likes“. 

Keine Politik, keine Stars, keine Sport und keine Wirtschaft

Waren es früher vor allem große Tier- und Kinderaugen, die die Leute zum Klicken animiert haben, sind es heute auch schon mal Koch oder Dessert-Rezepte, Handwerkertipps und Bastelanleitungen, die das Herz der Facebook-User entzünden. Fast allen Nachrichten auf Heftig.co ist gemein, dass sie mit einer ziemlich reißerischen Überschriften gepaart mit einem sogenannten Cliffhanger (wörtlich übersetzt „Klippenhänger“) versehen sind, wie man das aus zahlreichen Ferienserien kennt. Will man erfahren wie die Geschichte ausgegangen ist, muss man klicken. Unweigerlich. Dieses Prinzip des „Klick-Köderns“ (englisch: Click-Baiting) wenden inzwischen auch immer mehr seriöse Medien an.

In einem allerdings nicht mehr ganz aktuellen Interview mit der Wirtschaftwoche verteidigen Glöß und Schilling ihr Geschäftsmodell und erklären, sie wollten gar keine Journalisten sein. Vielmehr fühlen sich die beiden Gründer als „Teil einer Medienrevolution“, in der das wechselseitige Teilen von Inhalten die wichtigste Antriebskraft ist…. Zudem richte sich ihr Portal auch eher an Medienmuffel. Keine Politik, keine Wirtschaft, keine Stars und Sternchen – so oder ähnlich laute ihr inhaltliches Rezept. „Wir interessieren uns mehr für die kleinen Geschichten des Alltags, die die Leute berühren und mit denen sie sich auch selber identifizieren könnten“, sagt Glöß.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser