Eigentlich dürfte es ihn in der Kirche nicht geben, den Promi-Faktor. Vor Gott, das stellt Petrus in der heutigen Lesung fest, sind alle gleich. Denn der schaut nicht auf die Person. Geht es also beim Ansehen vor Gott nur um die Gottesfurcht? Oder gibt es Gleiche und etwas Gleichere?

Sie dürfen in den ersten Reihen sitzen: Die Prominenz der Politik darf beim Papstbesuch in Berlin bei der Messe ganz vorne Platz nehmen. Das „Volk“ sitzt in den hinteren Reihen.
Wenn der Sänger Patrick Nuo in Hamburg-Winterhude in der Kirchenbank sitzt, dann herrscht immer Aufregung in der Sakristei von St. Antonius. Nicht weil der Pfarrer dann nervös wird; für den sind Prominente Alltag in der gutbürgerlichen Gemeinde. In den Bänken der Diaspora-Kirche sitzen auch schon einmal Moderator Reinhold Beckmann, Chefredakteur Claus Strunz oder Senatoren beieinander.
Doch wenn Nuo auftaucht, sind die Messdiener nicht zu halten, dann will jeder am Altar stehen. Dabei wird jeder in St. Antonius bestätigen, dass eigentlich alle gleich sind. Eigentlich. Bis auf Nuo, Beckmann, Strunz und Co. Da wird hingeschaut, die werden vor der Kirchentür hofiert. Mediengrößen sind eben doch etwas anderes, als die Normalos.
Natürlich weiß jeder Christ, dass äußeres Ansehen vor Gott nicht zählt. Aber trotzdem hatte es immer schon Gewicht, von hohem Stand oder Ansehen zu sein. Die besten Plätze gab es dafür im Kirchengestühl, manches Mal mit eigener Plakette verziert, damit deutlich wurde: Ja, nach ganz vorne gehören sie hin, die Großkopferten. Weiter hinten sitzen dann die Arbeiter, die Normalbürger.
Das Verflixte mit den Bibeltexten
Ganz zu schweigen von den Armen und Obdachlosen, von den Wunderlichen und Ausgegrenzten. Sie haben in der Gesellschaft und auch im Kirchenschiff ihren Platz am Rande. In der Welt der gutbürgerlichen katholischen Milieus zählt bis heute oftmals das gesellschaftliche Ansehen außerhalb der Gemeinde. Wer könnte sich von solchen Konventionen schon freimachen? So anders ist St. Antonius also gar nicht
Dass das alles aber vor Gott gar nicht zählt, das hat Petrus mit Erstaunen festgestellt. Auch für Nichtjuden ist Gott zuständig, muss er erfahren. Und dass Gott sogar zu den Heiden kommt, bringt ihn zu dem Erkennen: „Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm jeder in seinem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was ihm recht ist.“ Da ist aber schon wieder dieses Verflixte mit den Bibeltexten. Aus der Erleichterung, dass auch ein Heide, ein Armer Gnade findet, baut Petrus sofort die nächste Hürde auf: Gottesfürchtig sein muss derjenige, der vor Gott zählt.
Gleichermaßen „Mühsame und Beladene“
Die Großen und die Kleinen habe er regelmäßig in den Kirchenbänken sitzen, beschreibt Dompfarrer Georg von Oppenkowski die Sonderstellung seiner Hamburger Gemeinde. Im Mariendom, direkt im Bahnhofsviertel von Hamburg gelegen, mischt sich das Publikum. Manchmal sitzt da Starintendant John Neumeier in der Anonymität der Kirchenbänke, manches Mal Klaus von Dohnanyi mit Ehefrau Ulla Hahn. Aber ebenso die Auffälligen, die Verstörten. Die, die anders sind und kaum in der Kirche in Erscheinung treten. Weil sie, wie die Heiden damals in der Welt der Juden, auch heute selbst bei den Christen ausgegrenzt sind.
Der Pfarrer von St. Marien kennt diese Typen. Aus dem Stand der Personen macht er sich nichts. Für ihn sind die, die da kommen, gleichermaßen „Mühsame und Beladene“. Eine Auslese von Menschen, die frei jeglicher Milieus sind, wie sie beim Nachbarn in der bürgerlichen Gemeinde Winterhude Alltag sind.
Gott hat seine Wahl getroffen
Und so gibt es die Menschen, die in homosexuellen Partnerschaften leben, solche, die möglicherweise etwas auf dem Kerbholz haben, die, deren Leben so gar nicht unter den Begriff gottesfürchtig fallen mag. Und doch sind sie da, sitzen in den Kirchenbänken nebeneinander. In St. Marien geht es also keinesfalls um die Frage eines religiösen Auserwähltseins, so wie die Kleinstgemeinden das zu Zeiten von Paulus und Petrus empfunden hätten. Da blieb man unter sich.
Dass das heute anders ist, das freut den Dompfarrer. „Die Menschen kommen und empfinden den Kirchenraum nicht als Rauswurf, sondern sie fühlen sich willkommen“, sagt er. „Gott nimmt dieses Volk in seinen Dienst“, zieht von Oppenkowski die Parallele zur Lesung. Letztlich habe Gott seine Wahl getroffen, er habe es auf diese Menschen abgesehen. Nicht als Besserstellung, sondern als Sendung.
Christian Schlichter