Philipp Frei hat in seinem Leben eine radikale Wende vollzogen, wie sie der Prophet Ezechiel fordert. Fünf Jahre war er in der rechtsradikalen Szene, lieferte sich Schlägereien mit Ausländern. Heute hilft der 27-Jährige Jugendlichen beim Ausstieg aus Extremismus und Gewalt.
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| Philipp Frei |
Höflicher kann ein Mensch kaum sein. So entgegenkommend, so aufmerksam. Kaum zu glauben, dass Frei einst ohne große Vorwarnung zuschlug. Doch anders als in vielen biblischen Geschichten erfolgte seine Umkehr nicht plötzlich. Es war eher ein Prozess, der oft schmerzhaft verlief. „Ich hatte lange Zeit Depressionen, war suizidgefährdet“, sagt Frei, dessen Augen weniger aggressiv als vielmehr verletzlich wirken. „Das neue Leben zeigt sich nicht sofort, es muss sich entwickeln“, sagt der junge Schweizer. Aufgewachsen ist er in Dulliken bei Olten, einer Stadt mit hohem Ausländeranteil, auf halber Strecke zwischen Basel und Luzern.
Noch immer hat Frei Angst davor, „was ich tun könnte, wenn ich zu viel trinke“. Nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene rührte er jahrelang keinen Tropfen Alkohol an. Auch heute noch spürt er, bevor er ein Bier trinkt, erst einmal in sich hinein. Wahrscheinlich war es jene Feinfühligkeit, die ihn damals umkehren ließ. Frei leitet heute die Fachstelle für Alkohol- und Gewaltprävention vom Blauen Kreuz in Olten. Er geht in Schulen. Zeigt sich. Das war längst nicht immer so.
Nach dem Schulwechsel stand er allein da
Bis zum Alter von zwölf, 13 Jahren war er im Dorf noch gut integriert. Seine Freunde kamen meist aus Einwandererfamilien. Unter Migranten war er beliebt. Er gab ihnen Nachhilfe, wenn sie in der Schule Probleme hatten. Nach einem Schulwechsel jedoch stand Philipp plötzlich allein da. Von seinen alten Freunden hatte niemand den Sprung aufs Gymnasium geschafft. Beim Sport wurde Frei, der damals noch nicht so kräftig gebaut war, oft als Letzter gewählt. Er wurde gehänselt.
„Ich hätte gerne wieder eine zentrale Rolle gespielt.“ Doch das Gegenteil war der Fall. Philipp stand am Rand. „Ich war weniger cool als die anderen.“ Als ihn schließlich ein vier Jahre älterer Junge aus der Nachbarschaft zu einem Hockeyspiel mitnahm – Fußball spielt in Olten keine Rolle –, „fühlte ich mich geehrt“. Dem 13-Jährigen war völlig egal, wie die großen Jungs, die da plötzlich um ihn herum standen, über Ausländer dachten. Wichtig war ihm, dass keiner einen dummen Spruch über ihn machte.
Aus Messern und Knüppeln wurden Schusswaffen
Unter den 16-, 17-Jährigen, „die alle breiter waren als ich“, hatte er endlich wieder ein Gefühl von Stärke. Konnte sich selbst eine große Klappe leisten. Doch die Clique radikalisierte sich. Schnell. Es herrschte, wie in Jugendgangs oft üblich, eine große innere Dynamik. Trug einer plötzlich Springerstiefel oder Bomberjacke, schaffte sich bald auch der Rest solche Kleidungsstücke an. Aus Messern und Knüppeln wurden Schusswaffen. „Genau so lief es im Prinzip bei den Schlägereien.“
Wenn die Gruppe auf Ausländer traf, „machte der eine einen Spruch. Der andere
musste das toppen“, sagt Frei. Er selbst schmuggelte Kassetten mit Rechtsrock von Deutschland in die Schweiz. „Da biste wer“, sagt Frei.
Doch so richtig dazu gehörte Philipp nie. „Ich war immer der Kleine. Der Einzige, der aufs Gymnasium ging. Die anderen pflegten ihr Working Class Image.“ Fünf Jahre lebte er unter Rechtsradikalen. Heute weiß Frei: „Ich habe mich an die Älteren angepasst, traute mich nie, ‘was gegen die zu sagen.“
Angst vor dem Ausstieg: Ich habe niemanden mehr
Als bei einer Prügelei ein junger Kosovare, ein Freund aus Freis Kindertagen verletzt wurde, brach für den jungen Schweizer jene braune Welt zusammen, die er klammheimlich schon länger infrage stellte. Warum zum Teufel 30-jährige Männer es noch nötig hatten, sich mit 15 Jährigen zu prügeln, wollte ihm einfach nicht ins Hirn.
Frei hatte erst Angst vor dem Ausstieg. Er wusste: „Dann habe ich niemanden mehr.“ Auf dem Gymnasium war er als Rechtsradikaler isoliert. Unterschlupf fand er vorübergehend in der Metal-Szene, tauschte Bomber- gegen Lederjacke. Dann dämmerte ihm auch dort, „ohne meine Klamotten bin ich nichts“. Ausgerechnet ein Religionslehrer, „ein Mann, der so ziemlich genau das Gegenteil von mir war“, nahm sich damals seiner an, und steckte Frei gelegentlich Bücher zu.
Besonders die Entschlossenheit christlicher Märtyrer beeindruckte ihn. Über den Lehrer fand Frei Anschluss an jugendliche Christen. Anfangs wiederholte er dort alte Fehler und war bald der „Superchrist“. Aus Angst, nicht dazuzugehören, passte er sich viel zu schnell viel zu sehr an. Wenn andere für ihn beteten überkam ihn zuweilen die blanke Wut. So sehr stand er unter Druck. Im Kopf hatte er sowieso nur, „den ganzen Ansprüchen der Bibel kann ich doch gar nicht genügen“.
Harte Einsicht: Liebe gibt es nicht durch Leistung
Irgendwann jedoch hatte er ein Erlebnis, „aber kein Bekehrungserlebnis in dem Sinne“, wie er sagt. „Dazu bin ich viel zu sehr Kopfmensch“. Eher eine Erkenntnis, die vom Kopf in Bauch und Herz rutscht. „Gott will wirklich mich. Nicht nur den namenlosen Sünder. Ich muss nicht perfekt sein. Es ist genau umgekehrt. Ich werde geliebt, wie ich bin. Und diese Erfahrung ermöglicht mir den Wandel.“ Das Prinzip „Liebe durch Leistung“, das Frei zuvor verinnerlicht hatte, war durchbrochen.
Frei macht aus seinem Christsein kein großes Gerede. Doch es bestimmt seine Lebensführung. Er, dem es früher nur um das eigene Wohl ging, weiß heute: Es tut gut, wenn er etwas für andere tut. Und Verantwortung übernimmt. „Vor Gott und der Schöpfung“, wie er sagt. „Wenn ich Christ bin, muss sich das auch zeigen in meinem Leben!“ In seinem Beruf unterstützt er heute Menschen, die sich in Gewalt und Extremismus verstrickt haben und einen Ausweg suchen.
Die schwierigen Zeiten sind die Wertvollsten
„Im Rückblick sind die schwierigsten Zeiten immer die wertvollsten“, sagt Frei. Auch heute noch ist der junge Schweizer nicht so recht angekommen. Er ist auf dem Weg zu sich selbst. Bei den Supervisionen, die in seinem Job üblich sind, merkte er zuletzt, „ich definiere mich immer noch oft über meine Aufgaben, spiele die Rolle, die mein Umfeld erwartet“.
Wahrscheinlich sind es solche Bekenntnisse, die Frei für Jugendliche so ansprechbar, so authentisch machen. Frei wäre in der rechtsradikalen Szene vielleicht nicht gestorben, wie es bei Ezechiel heißt. Doch erst als Frei sich lossagte und begann, offen zu seinen dunklen Flecken und zu seiner Empfindsamkeit zu stehen, gewann er innere Freiheit. Ab jetzt ist es sein Leben, nicht mehr das eines Mitläufers.
Andreas Kaiser
