22.12.2017

Vor 75 Jahren entstand die Stalingrad-Madonna

Hoffnungszeichen in der Hölle

Eine schnelle Kohlezeichnung auf einer Landkarte: Vor 75 Jahren schenkt ein Madonnenbild den Soldaten neue Hoffnung im Kessel von Stalingrad.

Foto: kna
Eine schnelle Zeichnung auf die Rückseite einer Landkarte:
Vor 75 Jahren zeichnete Kurt Reuber die sogenannte
Muttergottes von Stalingrad. Foto: kna

An jeder Ecke lauert in diesen Tagen der Tod. Unerbittlich heulen seit Wochen die Stalinorgeln über die Stadt. Den deutschen Soldaten, die in ihrem Kessel ausharren, ist klar, wie verzweifelt die Lage ist. Knapp einen Monat zuvor, im November 1942, hat die Rote Armee mit einer Großoffensive rund 330.000 deutsche, italienische und rumänische Soldaten im Stadtgebiet von Stalingrad einschließen können; die deutsche Gegenoffensive kommt nicht voran. Nun ist Weihnachten, doch besinnliche Stimmung stellt sich bei minus 40 Grad Celsius nicht ein. Im Keller einer Hausruine wird hastig die Christmette gefeiert.

In einem Unterstand verharrt derweil der 36-jährige Kasseler Kurt Reuber, Feldarzt, evangelischer Pfarrer - und ein leidenschaftlicher Zeichner, der in jeder freien Minute malt. Ihm gelingt es, den Irrsinn aus Tod, Elend und Verzweiflung für einen Moment auszublenden. Er hat nicht viel zur Hand, also greift er sich eine alte Landkarte und zeichnet mit Kohle ein Bild auf die Rückseite: In eine Decke gehüllt hält Maria ihr Kind im Arm.

Reuber hat die angsterfüllte Gegenwart im Blick, "Weihnachten im Kessel 1942 - Festung Stalingrad", so kennzeichnet er das Bild. Doch seine Gottesmutter strahlt trotz allem Sicherheit und Geborgenheit aus. Umgeben von Dunkelheit, Tod und Hass schreibt der Künstler in großen Lettern die Botschaft "Licht, Leben, Liebe" auf sein Werk. Die "Stalingrad-Madonna" bewegt viele Kameraden, sie tröstet und spendet ihnen angesichts der ausweglosen Situation Kraft.

In einem Brief an seine Frau fügt Reuber eine Deutung bei: "Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinander geneigt, von einem großen Tuch umschlossen. 'Geborgenheit' und 'Umschließung' von Mutter und Kind. Mir kamen die Worte aus dem Johannes-Evangelium: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Haß uns umgeben - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in uns."

 

Der Zeichner stirbt an Fleckentyphus

Nach einem verzweifelten Häuserkampf zeichnet sich wenige Wochen später das Ende ab. Am 2. Februar kapituliert die Wehrmacht. Nach Schätzungen kommen eine halbe Million russische und 150.000 deutsche Soldaten um. Von den mehr als 100.000 deutschen Kriegsgefangenen sollen nur knapp 6.000 lebend zurückkehren. Auch der Schöpfer der Madonna gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Der Arzt, der sich für seine Kameraden einsetzt, stirbt schließlich im Januar 1944 an Fleckentyphus.

Die "Muttergottes von Stalingrad" jedoch gelangt mit einem der letzten Flugzeuge in die Heimat. Ob als originalgetreue Replik der Zeichnung, als geschnitzte oder sandsteinerne Statuen, in gestickter Form - in zahlreichen Kirchen wird das Motiv aufgegriffen. In Hermeskeil bei Trier etwa lässt ein katholischer Geistlicher, der selbst als Divisionspfarrer der 16. Panzerdivision in Stalingrad 1943 in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, nach dem Krieg ein von der Stalingradmadonna inspiriertes Tonrelief anfertigen.

Trotz ihrer stetig zunehmenden Berühmtheit hängt die Originalzeichnung jahrzehntelang im Wohnzimmer von Reubers Tochter Ute Tolkmitt. 1983 überlässt sie das Werk als Dauerleihgabe der evangelischen Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Dort hat sie in einer der Nischen einen Platz gefunden - ganz im Sinne der Tochter des Arztes. "Einen besseren Platz gibt es nicht", so Tolkmitt 2012 bei einer Gedenkveranstaltung.

Denn wie kaum ein anderes Gebäude ist die Gedächtniskirche in Berlin zum Mahnmal für den Frieden geworden. In dem vom Architekten Egon Eiermann zwischen 1959 und 1961 errichteten Bau, der die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche umschließt, erinnert das Bild an Krieg, Tod und Vernichtung. Immer wieder bleiben Menschen vor ihr stehen, setzen sich für einen kurzen Moment in die Nische. Wer mag, kann sich die Madonna auch auf einer Postkarte mit nach Hause nehmen.

In der Kirche wird auch an die evangelischen Märtyrer der Jahre 1933 bis 1945 erinnert. Menschen, die wie Reuber trotz vieler Leiderfahrungen ihre Hoffnung und ihren Glauben nie aufgegeben haben und dafür gestorben sind.

kna