19.06.2017

Europäischer Staatsakt und Requiem

Helmut Kohl und der Speyerer Dom

Was für Adenauer der Kölner ist für Kohl der Speyerer Dom gewesen: ein Stück Heimat und ein Symbol der Zusammengehörigkeit Europas


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Helmut Kohl starb im Alter von 87 Jahren. Foto: kna

Totenmesse im geliebten Dom, Fahrt mit dem Sarg über den Rhein: Die Pläne zu den Beerdigungsfeierlichkeiten von Helmut Kohl ähneln stark der Inszenierung nach dem Tod von Altkanzler Konrad Adenauer vor ziemlich genau 50 Jahren.

An dem Pontifikalamt, das Kardinal Josef Frings am 25. April 1967 im von Adenauer so geliebten Kölner Dom feierte, nahmen 15 Staatspräsidenten und Regierungschefs teil. Zu Tausenden standen die Menschen damals am Rhein-Ufer, als Adenauers Sarg mit dem Schnellboot Condor nach Rhöndorf gebracht wurde. Hunderttausende verfolgten die Feierlichkeiten am Fernseher.

Die Verbindung Kohls mit dem Speyerer Kaiserdom war ähnlich eng wie die Adenauers zum Kölner Dom. Für den Kanzler aus der Pfalz war die romanische Kathedrale, die im Jahr 1061 geweiht wurde, "ein Stück Heimat" und zugleich ein Symbol der Zusammengehörigkeit Europas. Beides dürfte bei den Beerdigungsfeierlichkeiten eine große Rolle spielen: Glaubt man der "Bild am Sonntag", will EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den Altkanzler mit einem europäischen Staatsakt, dem ersten überhaupt, in Straßburg ehren. Anschließend soll Kohl mit dem Schiff über den Rhein nach Speyer gebracht werden. Im dortigen Kaiserdom ist die Totenmesse geplant.

Der Speyerer Dom als Weltbühne der Politik

Kohl hatte den Kaiserdom und das eher beschauliche Speyer mit seinen 50.000 Einwohnern zwischen 1984 und 1999 zu einer "Weltbühne" gemacht, wie derzeit eine Ausstellung des Historischen Museums der Pfalz zeigt. Großformatige Fotografien dokumentieren 19 Staatsbesuche und Großereignisse: Politiker wie Michail Gorbatschow, George Bush, Margaret Thatcher, Jacques Chirac oder das Königspaar Juan Carlos und Sophia von Spanien führte der Kanzler in "seinen" Dom.

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Der Dom in Speyer
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Hier, sagte der Historiker Kohl, spüre man die Einheit von deutscher und europäischer Geschichte besonders eindringlich. Schließlich war Speyer vor 1.000 Jahren eine deutsche Hauptstadt - zentraler Ort der salischen Kaiser. Das größte erhaltene romanische Gotteshaus der Welt ist auch ihre Grabstätte. Acht Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, drei ihrer Gemahlinnen und eine Prinzessin ruhen in der Krypta.

Zugleich ist Speyer Austragungsort vieler Reichstage und ein Symbol für deutsch-französische Kriege und Aussöhnung: Der schlimmste Schaden traf den Dom 1689, als im Pfälzischen Erbfolgekrieg die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. das Gotteshaus anzündeten.

 

Persönliche Beziehung zum Gotteshaus

Mit der Bischofsstadt und der Kathedrale verband Kohl auch eine sehr persönliche Beziehung. Hier verbrachte der Schüler zwei Kriegsjahre am Dom-Gymnasium. Als Kohl 1943 als 13-Jähriger aus der zerbombten Industriestadt Ludwigshafen ins nahe Speyer evakuiert wurde, erlebte er das Gotteshaus sogar als Schutzraum bei Fliegerangriffen.

Im Oktober 1998 bildete die angestrahlte rote Sandsteinfassade des Doms die Kulisse für den Großen Zapfenstreich, mit dem Kohl Abschied vom Kanzleramt nahm. Und im Juli 2001 fand der Trauergottesdienst für seine erste Frau, die Protestantin Hannelore Kohl, in der katholischen Kathedrale statt.

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Eine Steinplatte erinnert an Kohls Engagement
für den Speyerer Dom. Foto: kna

Noch im vergangenen Dezember besuchte der Altkanzler im Rollstuhl und in Begleitung seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter die weihnachtlich geschmückte Kathedrale. Zusammen mit Bischof Karl-Heinz Wiesemann beteten sie vor dem Altar, besichtigten die Krippe und entzündeten eine Kerze. Der Domorganist intonierte Advents- und Weihnachtslieder. "Zur sichtlichen Freude von Helmut Kohl ließ er zudem die berühmte Toccata in d-Moll von Johann Sebastian Bach erklingen", berichtete damals das Bistum. Das Werk war bei früheren Besuchen Kohls mit Staatsgästen regelmäßig gespielt worden.

Kurz nach Kohls Tod würdigte Bischof Karl-Heinz Wiesemann das Engagement des Altkanzlers für den Kaiserdom. Bis zu seinem Tod stand Kohl dem Kuratorium der "Europäische Stiftung Kaiserdom zu Speyer" vor. 2015 hatten Wiesemann und das Domkapitel Kohl für seine Verdienste geehrt. In der Vorhalle wurde eine Gedenkplatte enthüllt. Sie trägt die Aufschrift: "In Würdigung der Verdienste von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl um den Dom zu Speyer als Sinnbild für die christlichen Wurzeln eines geeinten Europas."

kna