15.11.2016

Themenwoche "Mein Gott": Moderne Gottsucher

Gott, wo bist du? Teil 2

In der Themenwoche "Mein Gott" begibt sich die Kirchenzeitung auf Spurensuche: Wo finden wir Gott in unserem Leben, im Alltag? Wie denken Menschen über ihren Glauben und wie und wo erfahren sie Gott? Zwei moderne Gottsucher im Porträt.

 

 

"Gott ist nicht kleinlich. Er würde mich nicht bestrafen, wenn ich an ihm zweifle"

Anna Jürgens
Foto: Richmann/Winkler

G ott ist die Liebe. Das könnte auch Anna Jürgens unterschreiben. Denn Gott ohne Gemeinschaft funktioniert für die 28-Jährige nicht. Deshalb findet sie Gott auch in den Begegnungen mit anderen Menschen. Nämlich dann, wenn ganz viel Wärme und Lebensfreude rüberkommen. Dabei sind es keineswegs bewusste Momente, in denen sie denkt „Wow, hier ist jetzt Gott!“. Es handelt sich dann einfach um einen sehr wertvollen Moment – völlig zweckfrei. Erst im Nachhinein komme ihr manchmal der Gedanke, Gott könnte im Spiel gewesen sein.

Hin und wieder möchte sie Gott jedoch auch ganz gezielt aufsuchen. Dann geht sie raus – raus vor die Tür und rein in die Natur. Meist zieht es die Tübingerin dann an den Neckar. „Der Fluss, da kann ich mit Gott Zwiesprache halten.“ Beschweren sei in Ordnung. Auch, wenn man keine Antwort bekommt. Wenn sie auf das Wasser schaut, könne sie mit ihren Gedanken besser zur Ruhe kommen. Unnötigen Ballast lasse sie dann mit der Strömung davonziehen.

Bis zum Beginn ihres Studiums habe sie nie viel über ihren Glauben nachgedacht. Gott habe für sie so existiert, wie es ihre Eltern ihr beigebracht haben. Ein Kinderglaube. Im Studium kamen ihr erste Zweifel – harte Diskussionen und einige Todesfälle haben sie ins Grübeln gebracht. Was, wenn alles nur Zufall ist? „Dann wären fünf Jahre Theologiestudium sinnlos gewesen.“ Es sei ihr manchmal schwergefallen, Gott einfach hinzunehmen: „Wir wollen immer alles in der Hand haben und dann muss es funktionieren.“ Mit Gott funktioniere das so aber nicht. An ihrer Vorstellung von Gott habe das jedoch nichts geändert. „Gott ist nicht kleinlich; er würde mich nicht bestrafen, wenn ich an ihm zweifle.“ Für sie ist Gott der Schöpfer, der Grund allen Seins, vor allem aber die Liebe. Das wäre er auch, wenn sie nicht an ihn glauben würde.

Gott entdecken und nach Gott suchen ist für Anna Jürgens aber ein himmelweiter Unterschied. Sie war auf Besinnungstagen, Exerzitien – eine Woche lang habe sie dort nach Gott gesucht. Sie wäre beinahe daran verzweifelt, während alle anderen Teilnehmer ihn gefunden hätten. „Gott ist ein Geschenk, für das ich nichts kann – auch wenn ich es nicht habe.“ Und selbst wenn die Zweifel groß seien, es ändere nichts an der Tatsache, dass Gott uns liebe. „Glaube ist keine Voraussetzung für die Liebe Gottes. Seine Liebe ist voraussetzungslos.“ Daran hält sie fest – egal wo.

Anna_Juergens from Andrea Kolhoff Kirchenbote on Vimeo.

 

 

"Ich glaube nicht, dass Gott irgendwo wohnt. Der ist einfach da - oder auch nicht"

Christoph Eing
Foto: Richmann/Winkler

Christopher Eing (17) ist Münsterländer durch und durch, sagt „dat“ und „watt“ und freut sich, wenn „der Oppa“ und „die Omma“ Kuchen für ihn haben. Er sagt aber auch: „„Gott ist einfach überall.“ Seine Großeltern Antonia und Ernst Benölken haben den Schüler auf seinem Glaubensweg begleitet, ihm Gebete vorgelesen, wenn er bei ihnen übernachtet hat. In ihrem Haus hat Eing den Glauben erlernt, „zu Hause“ ist Gott dort jedoch nicht: „Ich glaube nicht, dass Gott irgendwo wohnt. Der ist einfach da – oder auch nicht.“

Trotzdem hält er immer kurz inne, wenn er auf dem Weg zu seinem Lektorendienst an dem Kreuz mit den zwei Buchen vorbeigeht, die vor der St.-Martinus-Kirche in Wessum stehen. „Doch, da habe ich Gott für mich schon ein bisschen festgemacht.“ Er sei von der beruhigenden Kraft beeindruckt, die von dem Trio ausgeht. „Ich glaube, ein Steinkreuz würde mich nicht so berühren. Steine sind eher kalt. Und das ist für mich nicht Gott. Denn Gott ist für mich ein wärmendes  Wesen.“ 

Trotzdem erkenne er Gott auch in einer zerklüfteten Felslandschaft, einem rauschenden Wasserfall oder in seiner kleinen Cousine. „Wenn ich sehe, dass etwas so Wunderbares auf dieser Welt existiert, dann kann nur Gott darin wirken.“ Dann bekommt er immer dieses warme Gefühl, irgendwo im Brustbereich. Dann glaubt er, er könne über sich hinauswachsen. „Wenn ich dieses Gefühl habe, weiß ich, Gott ist bei mir.“ Das Gefühl sei aber relativ unzuverlässig und lasse sich nicht erzwingen: „Ich kann nicht bewusst nach Gott suchen. Denn meistens ist diese Suche vergeblich. Manchmal reicht aber schon ein Lächeln, um zu zeigen, dass Gott da ist.“

Darum hadert er auch ein bisschen mit der reinen Lehre. In der heiligen Kommunion sieht Eing zum Beispiel eher ein Symbol für die Gemeinschaft – durchaus kraftgebend, durchaus glaubensstärkend aber eine Inkarnation Gottes? Eher nicht. „Man kann Gott nicht greifen. Man kann Gott auch nicht 

 

begreifen. Gott ist einfach unfassbar.“ Aber zwischen seiner Kirche und seinem Glauben macht Eing ohnehin einen großen Unterschied.

Der Jesuit Medard Kehl schreibt in „Hinführung zum Glauben“, dass Gott die Liebe ist: Die kümmernde Liebe vom Vater zum Sohn. Die vertrauende Liebe vom Sohn zum Vater. Und die vom Heiligen Geist beseelte Liebe der Menschen untereinander. „Ja! Das kann ich so unterschreiben.“

Texte und Video von Sabine Winkler und
Michael Richmann