05.10.2017

Massaker von Las Vegas

"Gott weint durch unsere Augen"

Kirchen als Zuflucht und Polizeizentrale: In Las Vegas öffneten sie während des Massakers ihre Türen und schützten die Menschen.


Foto: wikimedia
Vom Mandalay Bay Hotel aus feuerte der Schütze am vergangenen Sonntagabend in die Besuchermenge eines Country-Konzertes. Foto: wikimedia


Generalvikar Bob Stoecking sitzt der Schreck noch in den Knochen. Vor dem "Schrein des Allerheiligsten Erlösers" findet er die stummen Zeugen einer Horrornacht, die für 59 Menschen den Tod und für weit mehr als 500 teils schwere Verletzungen gebracht hat: leere Patronenhülsen, blutige Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände der Menschen, die hier Schutz gefunden haben.

Der moderne Kirchenbau steht unweit der Freifläche vor dem "Mandalay Bay Resort", wo rund 30.000 Country-Fans am späten Sonntagabend ins Visier eines Massenmörders gerieten. Weit genug vom Schützen entfernt, der aus dem 32. Stockwerk des Hotels in die Menge feuerte, flüchteten sich viele Konzertbesucher hierhin.

In dem Moment war die Kirche genau da, wo Papst Franziskus sie sehen will: dort, wo sie am meisten gebraucht wird. Ein Diözesan-Mitarbeiter öffnete die Kirchenpforte erst für die Fliehenden und später für die Polizei, die einen Kommandoposten einrichtete.

Um gelebte Nächstenliebe in der Stunde der Not ging es auch dem Gründer der baptistischen "Hope"-Gemeinde, der seine Megakirche spontan in ein Hilfezentrum verwandelte. Als Pfarrer Vance Pitman die Schreckensnachricht hörte, zögerte er nach eigenem Bekunden keine Sekunde. "Das ist der Tag, an dem wir gerufen sind, aufzustehen, der Stadt zu dienen und die Liebe Gottes für Las Vegas zu demonstrieren", erklärt er.

 

Beten, helfen und Blut spenden

Am Morgen nach dem Massaker trommelte Pitman alle 15 Pastoren zusammen und beriet mit ihnen, was die Gemeinde tun könne. Die Nähe der Kirche zum Tatort verstand auch er als Auftrag, zu beten - und praktische Hilfe zu leisten. Zunächst bat er alle Mitarbeiter der Gemeinde, Blut zu spenden. Dann verwandelte er das Kirchengelände in eine mobile Spendenstation. Pitman hielt auch den Kontakt zur Polizei, um sicher zu stellen, dass die Betroffenen erfahren, dass sie in der Megakirche seelische und praktische Hilfe bekommen können.

Auch andere Kirchen, Synagogen und Moscheen wurden aktiv, um den traumatisierten Menschen in einer Stadt zu helfen, die nicht gerade für Frömmigkeit bekannt ist. Laut einer Studie des PEW Research Centers gehört Las Vegas mit 30 Prozent Gottesdienstbesuchern für US-amerikanische Verhältnisse eher zu den weniger religiösen Städten.

Pfarrer Pitman erkennt in der Katastrophe eine Chance, für die Menschen da zu sein. An diesem Sonntag will er in seiner Predigt Antworten auf die Frage suchen, die viele hier stellen: "Wo ist Gott bei einer solchen Tat?" - Bei den Opfern, den Leidenden und Trauernden, versichern überall in den USA die großen Glaubensgemeinschaften, deren Vorsitzende ihre Solidarität zeigen. Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Kardinal Daniel N. DiNardo, forderte die Katholiken auf, sich "um all diejenigen zu kümmern, die jetzt leiden".

"Das Gebet" so Pastor Kelly von der Lutherischen Kirche in Minneapolis, "kann eine mächtige Erdungskraft sein". Der New Yorker Rabbiner Till Jacobs sieht die Kraft des Gebetes darin, dass es "unsere Rationalisierung aufbricht" und Menschen dadurch fähig würden, Angst und Schmerzen zu äußern.

 

Diskussion zum Waffengesetz

Unter die Gebete mischen sich USA-weit die politischen Rufe und Appelle von Geistlichen - vor allem bezüglich der Waffengesetze. "Wieder einmal müssen wir Schock und Schrecken aushalten, um die Opfer eines Massakers in unserem Land zu trauen", sagt Kardinal Blase J. Cupich aus Chicago. Es werde Zeit, "die Ursachen dieser Tragödien anzugehen."

Die machen wenige evangelikale Prediger indes ganz woanders aus. Der einflussreiche Gründer des Christian Broadcasting Network, Pat Robertson, sieht sie nicht in automatischen Waffen, sondern im "fehlenden Respekt gegenüber Präsident Trump" und den Symbolen der Nation. Ein einsamer Rufer.

Der Bischof von Las Vegas, Joseph A. Pepe, bekräftigte in einer emotionalen Predigt, was sein Generalvikar und viele Religionsführer in der Zeit nach dem Massaker unter Beweis stellten. "Wir stehen zusammen, weil wir den Hass nicht gewinnen lassen dürfen", sagte er. "Gott weint durch unsere Augen."

kna