Freude kann überschäumen, kann ausbrechen wie ein Vulkan. Die Weihnachtsfreude ist anders

Gellender Jubel, stilles Glück

Jubel beim Mauerfall

Freude bricht sich Bahn, ausgelassen, jubelnd. Die Tage des Mauerfalls 1989 stehen für solche
unvergesslichen Momente der Freude.

Man stelle es sich für einen Moment vor: „Fürchtet euch nicht“, sagt der Engel, „denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute …“ – und weiter ist nichts mehr zu verstehen, denn die Hirten brechen in ein irres Jubelgeschrei aus, das alles übertönt.

Eben so geschieht es am 30. September 1989 um 18.58 Uhr. Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher tritt auf den Balkon der Deutschen Botschaft im Prager Palais Lobkowitz und sagt: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzueilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – und weiter ist nichts mehr zu verstehen, denn über 5000 Menschen brechen in ein irres Jubelgeschrei aus, das alles übertönt. Viele wissen bis heute nicht, dass Genscher noch „… in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist“ sagt. Oder nur laut Manuskript sagen will? Spielt überhaupt keine Rolle.

Dann ist da nur die schiere Leichtigkeit des Seins

Seit Tagen, seit Wochen haben die Frauen, Männer und Kinder unter katastrophalen Bedingungen im Botschaftsgebäude gehaust, auf dem Gelände kampiert, nicht wenige haben die Nächte unter freiem Himmel verbracht, im Regen, im Matsch, so gut wie keine Waschgelegenheit und Toilette. Aber das sind nur die äußeren Umstände. Viel
dramatischer: Sie alle sind Knall auf Fall aus der DDR abgehauen, praktisch ohne Habe; auf Republikflucht oder, wie es offiziell heißt, „ungesetzlichen Grenz-übertritt“ stehen
bis zu acht Jahre Haft; alle hoffen auf eine Zukunft in Freiheit und wissen doch, dass sie ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt haben. Das Glück ist möglich, das Grauen ist möglich. Niemand weiß, wohin die Waage sich neigen wird – und niemand weiß, wann.
„Heute“ und „Ihre Ausreise“ – diese Stichworte reichen. Um 18.57 Uhr drücken tonnenschwere Lasten die Seelen, um 18.58 Uhr spüren dieselben Seelen nichts als die schiere Leichtigkeit des Seins.

Taumel des Glücks. Überschäumende Freude. Freude über Freude.

Laut dem Evangelisten Lukas darf der Engel im Gegensatz zu Genscher seinen Text vollständig aufsagen: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“
Auf die Verkündung dieser „großen Freude“ hat das ganze Volk, dem die Hirten angehören, sehnsüchtig gewartet. Der Messias, der Gesalbte, der Erlöser – die Propheten haben ihn angekündigt, die Jesaja und Micha und Jeremia und Sacharja und wie sie alle heißen. Jetzt ist er da, sagt der Engel, endlich ist er da. Diese umwälzende Nachricht könnte die Hirten durchaus so heftig aufwühlen wie das auserwählte Volk einst die Salbung König Salomos aufnahm, nämlich „voller Freude, so dass bei ihrem Geschrei die Erde zu bersten drohte“, wie das 1. Buch der Könige berichtet.

Funktioniert die Welt nicht auch ohne den Erlöser?

Lukas berichtet nichts dergleichen. Keine Jubelrufe, keine Freudentänze. Liegt’s
am Publikum? Hirten: Naturburschen, zurückhaltend, schwerfällig, wortkarg, menschenscheu,
misstrauisch, geis-tig und geistlich ein wenig spröde … Wenn sie sich denn freuen, freuen sich solche Leute wahrscheinlich eher still.
Oder möglicherweise begreifen sie die Tragweite dieser Botschaft nicht. Oder nicht sofort. Vielleicht sind sie mit ihrer ruhigen Lebensart auf Sensationen gar nicht eingerichtet. Genießen die kleinen Freuden des Alltags: einen wunderschönen Sonnenuntergang, einen erfrischenden Regenguss nach langer Dürre, so etwas in der Art. Wogegen ja nichts einzuwenden wäre. Es sei denn, sie hätten es sich in ihrer Idylle behaglich gemacht, nach dem Motto des Lehrers Lämpel bei Wilhelm Busch: „Ach, spricht er, die größte Freud’ ist doch die Zufriedenheit.“ So oder so: Es kann gut sein, dass die Botschaft des Engels einfach über den Horizont seiner Zuhörer hinausgeht.
Und schließlich kann es auch sein, dass das Verlangen nach dem Erscheinen des Messias erlahmt ist. Immerhin wartet das Volk seit Jahrhunderten auf dieses Ereignis. Gewisse Ermüdungserscheinungen sind da nur zu verständlich. Man hat sich inzwischen eingerichtet, die Welt geht auch ohne Erlöser ihren halbwegs funktionierenden Gang. Braucht man den, der da – angeblich – so spät eingetroffen ist, überhaupt? Und muss man sich darüber großartig freuen?

Mädchen vor dem Adventskranz
Freude kann auch still sein, im Herzen empfunden und nach
außen kaum sichtbar. Auch solche Freude ist geradezu
lebenswichtig.

Lukas verliert kein Wort über die unmittelbare Reaktion der Hirten auf die erstaunliche Neuigkeit des Engels. Aber er verrät, dass sie nach Betlehem eilen und allen erzählen, „was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Alle staunten über die Worte der Hirten.“ Und zum Schluss: „Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten.“
Die Hirten lassen sich mithin durchaus von den Ereignissen bewegen und sie freuen sich ganz offensichtlich tief und innig. Es ist aber wohl eine andere Art Freude als die Freude der DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft anno 1989. Es ist wohl eine andere Art Freude, wie sie – wir feiern Weihnachten, das Fest einer Geburt – jede Mutter und jeder Vater bei jeder glücklichen Geburt erlebt: ein unfassbares Wunder, das einen vor lauter Freude zum Heulen bringt.

Im Knast ist Paulus wohl kaum in Champagnerlaune

Der Freude der Hirten, wie der Evangelist Lukas sie schildert, fehlt ein entscheidendes Element, das die gängigen Definitionen der Vokabel „Freude“ alle nennen: Diese Freude ist nicht spontan.
„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“, fordert Paulus im Philipperbrief. Mit dieser Art Freude kann nicht die Gefühls-aufwallung gemeint sein, die Eltern bei einer Geburt weinen lässt oder die jene Prager Botschaftsflüchtlinge zum vorzeitigen Jubelorkan angestiftet hat. Diese Art Freude ist auch keine Champagnerlaune, sie äußert sich nicht in Dauerlächeln oder im ewigen „Ich-bin-ja-so-gut-drauf“ der Spaßgesellschaft. Sie benötigt nicht einmal gute Stimmung: Als Paulus seinen Brief schreibt, sitzt er im Gefängnis und muss mit einem harten, eventuell gar mit dem Todesurteil rechnen. Trotz dieser Notlage: „Freut euch!“
Die Hirten „rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war“, schreibt Lukas. Die Botschaft also ist wahr: Seit Weihnachten ist Gott mitten unter den Menschen. Die Freude darüber können Christen alle Tage im Herzen tragen. Sie wird ihnen nicht alle Tage vom Gesicht abzulesen sein, sie wird nicht alle Tage Stürme der Begeisterung entfachen. Aber (noch ein Bibelzitat, diesmal Jesus Sirach): „Herzensfreude ist Leben für den Menschen.“