13.04.2017

Die eigene Beerdigung vorbereiten – aus dem Osterglauben heraus

"Es ist alles geregelt"

Martha und Rainer Lässig haben schon vor Jahren ihre eigenen Beerdigungen vorbereitet. Aus schmerzlicher Erfahrung heraus und mit Entscheidungen, die viel über ihr Leben und ihren österlichen Glauben verraten.


 

Foto: Susanne Haverkamp
Wenn Martha und Rainer Lässig dieBeerdigungsplanung auspacken, kommen etliche Seiten zusammen. Foto: Susanne Haverkamp

Es ist für beide die zweite Ehe. Beide mussten schon einen Ehepartner unter die Erde bringen. Beide waren darauf völlig unvorbereitet. „Wir haben uns bis zum letzten Tag an das Leben geklammert“, sagt Rainer Lässig über den Tod seiner ersten Frau Karin. „Er wollte niemals über den Tod sprechen“, sagt Martha Lässig über den Tod ihres ersten Mannes Fred. Bestatter und Pfarrer haben damals vieles übernommen. Einen Kopf für Details der Bestattung hatten beide nicht wirklich. „So nicht wieder!“, das ist ihnen heute klar.

„Und deshalb haben wir schon vor acht Jahren alles geregelt“, sagt Martha Lässig (68) und deutet auf einen dicken Packen Papier. „Angefangen haben wir mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Und mit dem Testament. Und wir haben eine Liste gemacht von Menschen, die einen Totenbrief bekommen sollen, 120 insgesamt.“ Aber das war mehr der Formalkram. 

 

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“

„In meiner Todesanzeige soll als Vers der Anfang von Psalm 23 stehen“, sagt Rainer Lässig (75). „Der Herr ist mein Hirte.“ Dieser Vers habe ihn seit seiner Kindheit begleitet, obwohl er viele Jahre kein besonders fleißiger Kirchgänger war. „Bei allem Auf und Ab war der Vers meine Stütze. Nach dem Tod von Karin war er meine einzige Stütze.“ 

Bei seiner Frau wird es das Johannesevangelium sein: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ „Als junge Erwachsene war ich ziemlich weg vom Glauben“, erzählt sie. „Meine Mutter hat das sehr belastet. Nach ihrem Tod bin ich zum Pfarrer gegangen, um die Beerdigung zu besprechen. Ich bin drei Stunden geblieben und habe irgendwie neu zum Glauben gefunden. Ich glaube, das war das Werk meiner Mutter.“ Der Trauervers ihrer Mutter  soll deshalb auch ihr eigener sein. 

Aufgebahrt werden möchte Rainer Lässig in seiner alten blauen Uniform mit den drei Streifen. „Zur See zu fahren, war mein Leben“, sagt er. „Es war meine Erfüllung.“ Seiner Frau ist die Kleidung egal. „Aber ich möchte das Sterbekreuz meiner Eltern in der Hand halten. Das ist für mich so etwas wie das letzte Glaubensbekenntnis, das ich abgeben kann.“ Ein einfacher Sarg soll es sein mit einem Kreuz und einer einzelnen Rose darauf. Statt Kränzen und Gestecken wünschen sie sich von den Trauergästen Spenden. „Bei mir für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“, sagt Rainer. „Bei mir für die ‚Aidshilfe für Afrika‘“, sagt Martha. Vereine, die ihnen wichtig sind.

Und dann kommt das Herz der ganzen Verabschiedung: die Auferstehungsmesse. „Wir wünschen uns, dass der Sarg bei der Messe in der Kirche steht“, betonen sie. „Ich finde das einfach schön“, sagt Rainer Lässig. „Da ist man dem Verstorbenen noch einmal ganz nah“, sagt seine Frau. Kerzen sollen neben dem Sarg brennen „als letztes Dankeschön für unser gemeinsames Leben“. Und dann wollen sie noch einmal zusammen Messe feiern. „Die Messe in unserer Kirche, das ist uns im Leben ganz wichtig“, sagen sie. „Und das wollen wir auch im Tod feiern.“ Mit der Betonung auf „feiern“. „Ich habe aufgeschrieben“, sagt Martha Lässig und blättert in den eng beschriebenen Seiten, „dass der Priester wenn möglich ein weißes Messgewand tragen soll. Und die Predigt soll nicht so ernst sein. Ich glaube, dass wir ein Fest ewiger Freude feiern, und das soll man merken.“ 

Und was ist mit der Trauer der Hinterbliebenen? „Tja ...“, sagen beide und sehen sich an. Dass die Trauer kommt und heftig kommt, das wissen sie aus leidvoller Erfahrung zu genüge. „Aber als Fred starb, war ich auch dankbar, dass er endlich keine Schmerzen mehr hat, dass es ihm endlich gut geht“, erinnert sich Martha Lässig.

 

Osterlieder von Freude und neuem Leben

Wenn man den beiden zuhört, wie sie über ihren Tod sprechen, dann ist eines klar: Zweifel an der Auferstehung haben sie nicht. Gar nicht. „Ich weiß nicht, was kommt“, sagt Rainer Lässig. „Aber ich bin gespannt.“ „Freude“, fasst Martha Lässig das zusammen, was sie erwartet. Wie auch immer. Da erstaunt es fast gar nicht mehr, welche Lieder sie sich für die Messe ausgesucht haben. „Du schenkst uns die Freude nach Tagen der Angst“, dieses moderne Auferstehungslied soll ganz am Anfang stehen. „Und dann natürlich: ‚Preis dem Todesüberwinder‘.“ Dieses klassische Osterlied darf nicht fehlen. 

Für den Abschluss haben sie sich verschiedene Lieder ausgesucht. „Psalm 23 natürlich“, sagt Rainer. „In der Liedfassung ‚Mein Hirt ist Gott der Herr‘.“ „Und bei mir ‚Großer Gott, wir loben dich‘“, ergänzt Martha. Moment mal: Großer Gott, wir loben dich – der Klassiker zur Hochzeit, Erstkommunion und anderen freudigen Ereignissen –, ist das wirklich ernst gemeint? „Ja“,bestätigt sie. „Ich bin so dankbar, wie mein Leben verlaufen ist, dass immer eine neue Tür aufging, wenn es ganz finster war. Diese Dankbarkeit will ich einfach ausdrücken.“ „Und singst du dann im Himmel mit?“, fragt Rainer. „Ja, ganz sicher!“

Bliebe noch die eigentliche Bestattung, das Grab selbst, und da werden die beiden ganz pragmatisch. „Urnenbeisetzung“, sagen sie mit Bestimmtheit. Rainers Familie lebt weit weg, Martha hat keine eigenen Kinder. „Wer soll unser Grab pflegen?“ Unter einem Baum auf dem städtischen Parkfriedhof soll es sein, gekennzeichnet durch eine einfache Messingtafel. „Ein Baum reckt seine Äste nach oben in die Freiheit“, sagt Rainer Lässig. „Ich war immer am liebsten draußen in der Natur“, sagt seine Frau. Außerdem: So richtig wichtig scheint es ihnen nicht zu sein. Das Wichtigste ist in der Kirche in der Auferstehungsmesse schon passiert. 

Wenn Martha und Rainer Lässig in den Papieren blättern und alles erzählen, was sie sich vorgenommen haben, dann ist das, sagen sie, „ein richtig angenehmes Gefühl“. Einerseits, weil sie wissen, dass alles geregelt ist, dass es keinen unnötigen Stress geben wird; schwer genug wird das alles sowieso sein. Andererseits aber auch, weil sie wissen, „dass wir den Abschied genau so feiern, wie der, der dann tot sein wird, es gewollt hat.“ Mit den Liedern und Texten und Menschen, die ihm oder ihr wichtig waren. Und mit dem Glauben, der ihn oder sie dann in den Himmel trägt.

Von Susanne Haverkamp