24.07.2017

Ram Nat Kovind wird Präsident Indiens

Ein "Unberührbarer" als Präsident

Christentum und Islam haben in Indien für ihn nichts zu suchen: Ram Nat Kovind wird neuer Präsident des Landes.


Foto: wikimedia/Terapanth
Ram Nat Kovind wird neuer Präsident Indiens. Foto: wikimedia/Terapanth


Am 25. Juli wird Ram Nat Kovind sein Amt als 14. Präsident Indiens antreten. Mit Kovind verbinden viele Inder Hoffnungen, aber auch Befürchtungen. Kovind ist ein Dalit, stammt somit aus der niedersten Kaste. Der Rechtsanwalt ist aber auch überzeugter Hindunationalist. Für ihn haben Christentum und Islam in Indien nichts zu suchen. Der 71 Jahre alte Rechtsanwalt ist seit der Unabhängigkeit Indiens vor 70 Jahren erst der zweite Präsident aus den Reihen der Dalit.

Es war ein Duell der Dalits. Die regierende hindunationalistische BJP von Ministerpräsident Narendra Modi hatte Kovind in das Rennen um die Präsidentschaft geschickt. Die Kongresspartei und die mit ihr verbündeten kleineren Parteien zogen nach einigem Hin und Her mit der Nominierung der Dalit Meira Kumar nach. Angesichts der satten Mehrheit der BJP in der Wahlmännerversammlung stand die ehemalige Parlamentssprecherin jedoch von vorneherein auf verlorenem Posten.

Die rund 200 Millionen Dalit sind die Ärmsten der Armen in Indien. Obwohl das Kastenwesen offiziell abgeschafft ist, werden die Dalit von den höheren Kasten verachtet, diskriminiert und ausgebeutet, auch wenn es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Dalit geschafft haben, die gesellschaftlichen Barrieren zu überwinden. Dalit wurden Minister, Chefminister von Bundesstaaten, Richter am obersten Gericht Indiens und gar schon einmal Präsident. Wahr ist aber auch, dass die jeweiligen Nachfolger aus höheren Kasten stammten und so manches Mal die von einem "Unreinen" übernommenen Amtsräume durch hinduistische Rituale "reinigen" ließen.

 

Sieg Kovinds als "moralischer Sieg der Dalit"?

Es gibt zahlreiche Programme und Dalit-Quoten in Behörden, Schulen und Universitäten zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation der "Unberührbaren". Viele dieser Programme aber sind nur für hinduistische Dalit. Muslimische und christliche Angehörige der untersten Kaste bleiben außen vor. "Für die Dalit-Bewegung sind die Unberührbaren, die Stammesbevölkerung, die Arbeiter, die unterdrückten Minderheiten, die Frauen, die Armen allesamt Dalit", erklärt Ashok Bharti der KNA. "Aber die Intelligentsia der oberen Kasten erkennt nur die hinduistischen Dalit auch als solche an", fügt der Chefberater der National Confederation of Dalit and Adivasi Organisations (NACDAOR) hinzu.

Die Wahl des Dalit Kovind zum Präsidenten ist für Bharti ein "moralischer Sieg der Dalit über das grausame Kastensystem" und die "symbolische Akzeptanz der hinduistischen Rechten, dass ein Dalit die höchste verfassungsmäßige Position innehaben kann". Auch für den Jesuiten und indische Menschenrechtsaktivisten Cedric Prakash ist die Wahl Kovinds "signifikant" für den gesellschaftlichen Wandel. Aber, so Prakash, man müsse den gewählten Präsidenten auch unter anderem Blickwinkel sehen. In seiner bisherigen politischen Karriere, zuletzt als Gouverneur des Bundesstaates Bihar, sei Kovinds Politik für die Dalit "sehr schwach gewesen".

Warum also hat Ministerpräsident Modi den Dalit Kovind zum Präsidenten gemacht? Die Antwort auf diese Frage gibt Sudha Pai, Mitglied des "Indian Council of Social Sciences" in einer Analyse der Wahl für das indische Nachrichtenportal The Wire. Modi habe den strammen Hindunationalisten Kovind mit Blick auf die Parlamentswahlen 2019 auf den Schild gehoben, so Pai. "Die Wahl Kovinds bedeutet die Kombination von drei wichtigen Faktoren - er ist ein Dalit aus Uttar Pradesh, dem für Wahlen wichtigsten Staat; sie trägt zur Schwächung der Einheit der Opposition bei; und es hilft der Strategie der BJP, die Pro-Hindutva-Kräfte in den unteren Schichten (...) zu stärken." Mit 205 Millionen Einwohnern ist Uttar Pradesh der bevölkerungsreichste indische Bundesstaat. Hindutva bezeichnet das politische Konzept radikaler Hindus, deren politischer Arm die BJP von Ministerpräsident Modi ist. Ihr Ziel ist die Ausrichtung der gesamten Gesellschaft Indiens nach hinduistischen Regeln.

Deshalb sieht auch der Jesuit Prakash die Zukunft Indiens unter Kovind nicht optimistisch. "Ich glaube nicht, dass er als Symbol für Harmonie zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen taugt." 

kna