28.06.2017

Die Nachfolge Jesu

Ein "Mehr" an Liebe

Das Evangelium dieses Sonntags nennt einige ziemlich happige Bedingungen für die Nachfolge Jesu. Was hält Dorothea Hofmann davon? Die 39-Jährige war Studentenseelsorgerin in Frankfurt am Main, gab den Job auf und zog 2016 in eine interreligiöse Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg. Ein Wagnis.


Foto: pixabay
Niemanden, fordert Jesus, soll man „mehr lieben als mich“. Ist das nicht zu viel verlangt? Foto: pixabay


Einmal angenommen, Jesus hielt mit Ihnen ein Bewerbungsgespräch, was würden Sie ihm antworten, wenn er fragt: Liebst du deine Eltern mehr als mich?
Ich bin froh, dass es bei Jesus kein Bewerbungsgespräch gibt. Er ruft die, die er ruft. Und ich bin überzeugt, das sind wir alle.

Ich glaube, dass es ihm hier um ein „Mehr“ an Liebe geht. Er sagt ja nicht, dass du deine Eltern nicht lieben sollst. Ich denke, Jesus fordert hier seine Zuhörer auf, nicht in den Familienbanden und Beziehungsmustern steckenzubleiben, etwa indem man versucht, der perfekte Vater oder die perfekte Tochter zu sein. Sondern er ruft uns zu einem intensiven, bewussten Leben auf. Wenn der Mensch zu sehr in seinen Rollenmustern verharrt, hindert ihn das, offen zu sein.

Ich glaube zudem, dass jede echte Liebe aus derselben Quelle entspringt, ob das nun die Liebe zu einem anderen Menschen, zu mir selbst oder eben die Liebe zur Schöpfung oder Gott selbst ist. Wenn es dort auf der einen Ebene eine Blockade gibt und man zum Beispiel gegen jemand anderen oder gegen sich selbst wütet, dann wütet man auch gegen Gott.


Welches Leben verlieren Sie, um ein Leben mit Gott, ein Leben in der Nachfolge Christi zu gewinnen?
Bei meiner jetzigen Lebensform muss ich oft meinen Wunsch nach Kontrolle, nach Sicherheit abgeben. Nachfolge bedeutet für mich, mich immer wieder neu auf das Leben zu seinen Bedingungen einzulassen. Anzunehmen, was da kommt. Wenn ich heute Abend nach Hause gehe, kann es sein, dass ich einen neuen Mitbewohner oder Mitbewohnerin habe. Auch muss ich immer wieder Vorstellungen und innere Bilder aufgeben, die ich mir von mir selbst und meinem Leben oder Gott gemacht habe.


Sie meinen Familie, Karriere?
Ja, unter anderem. Aber auch Vorstellungen, die ich mir von einem geistlichen Leben oder Gott gemacht habe.


Was ist Ihr Kreuz?
Das anzunehmen, was mir im Alltagsleben an Leidvollem und Schmerzlichem entgegenkommt. Die meisten Menschen, die zu uns kommen, kommen aus einer Not heraus.


 

Foto: Andreas Kaiser
Für Dorothea Hofmann bedeutet Nachfolge,
„anzunehmen, was da kommt“. Foto: Kaiser

Warum haben Sie sich überhaupt entschieden, in einer interkulturellen und interreligiösen Wohngemeinschaft in Kreuzberg zu leben?
Ich hatte von Jugend an ein spirituelles Interesse. Dem wollte ich gerne auf den Grund gehen. Ich wollte wissen, was es mit dem Leben in der Tiefe auf sich hat. Deswegen habe ich später Theologie studiert.

Die Wohngemeinschaft habe ich bei meiner Ausbildung zur Geistlichen Begleiterin und Exerzitienbegleiterin bei der Gemeinschaft Christlichen Lebens im Rahmen eines Sozialexperiments kennengelernt. Und ich habe diese Kommunität als einen Ort erlebt, an dem Gott spürbar ist. Ein Ort, an dem Menschen einfach da sein dürfen, willkommen sind, mit all ihren Verletzungen und ihren Stärken.

Die meisten, die zu uns kommen, hatten ihr Leben – wie das an anderer Stelle im Evangelium beschrieben wird – schon einmal verloren, und sind deswegen vielleicht offener für ein neues Leben mit Gott. Die Wohngemeinschaft ist für mich ein Ort, an dem etwas vom Reich Gottes in all dem Brüchigen und Konflikthaften sichtbar ist. Bei uns leben Agnostiker, Buddhisten, Muslime, ein Jüdin, Christen unterschiedlicher Konfessionen zusammen und bemühen sich um Gastfreundschaft.


Sie haben nicht einmal ein Zimmer für sich allein. Das erinnert an die Aussage Jesu, dass die Vögel ihr Nest haben, aber der Menschensohn keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann …
Naja, ich habe zumindest ein eigenes Bett. Das haben andere nicht (lacht). Aber natürlich ist Nachfolge nichts Statisches, sondern bedeutet Bewegung. Das war schon bei den ersten Jüngern so. Und so erlebe ich das auch.


Im zweiten Teil des Sonntagsevangeliums verspricht Jesus jenen Lohn, die seine Jünger aufnehmen. Würden Sie sich zu dieser Gruppe zählen?
Das weiß ich nicht. Für mich ist der Perspektivenwechsel wichtig. Es kann ja genauso gut sein, dass der, der heute bei uns an der Tür klingelt, für mich zum Propheten wird. In unserer Wohngemeinschaft wollen wir auf Augenhöhe miteinander leben.


Welchen „Lohn“ haben Sie erhalten?
Viele Begegnungen. Viele Beziehungen. Und immer wieder neue Impulse. Ich glaube ganz fest daran, dass Gott mir in den Menschen entgegenkommt und mich durch jede Begegnung neu herausfordert.


Interview von Andreas Kaiser