14.12.2017

Streit um Vaterunser

Die Sache mit der Versuchung

Beliebt war die sechste Bitte des Vaterunsers nie: Führe uns nicht in Versuchung. „Warum sollte der gute Gott das tun?“, haben uns Leser schon mehrmals gefragt. Nun ist die Debatte neu entbrannt. Und auch der Papst hat sich zu Wort gemeldet.

Im Kreuzgang der Pater Noster-Kirche (Vaterunser-Kirche) hängen Majolikaplatten mit dem Text des Vaterunsers in 64 Sprachen. | Foto: kna
Im Kreuzgang der Pater Noster-Kirche (Vaterunser-Kirche) hängen Majolikaplatten mit dem Text des Vaterunsers in 64 Sprachen. | Foto: kna

 Wenn die Französische Bischofskonferenz den Wortlaut eines Gebetes ändert, interessiert das außer den Franzosen eigentlich niemanden. Doch diesmal ist es anders. Denn seit dem 1. Advent gilt in Frankreich eine neue Übersetzung des Vaterunsers. Die ungeliebte Bitte mit der Versuchung ist neu formuliert. „Lass uns nicht in Versuchung geraten“, lautet nun die deutsche Übersetzung des französischen Textes. Davor hieß es: „Unterwirf uns nicht der Versuchung“. Dass das reformbedürftig war, fanden viele.

An Fahrt gewonnen hat die Debatte durch ein Interview, das Papst Franziskus gegeben hat. „Papst kritisiert deutsche Übersetzung“, lautete die oft wiederholte Schlagzeile. Doch ganz so war es nicht. Tatsächlich kommt in dem Interview das Wort „deutsch“ überhaupt nicht vor. Und es ist auch kein richtiges Interview. 

Tatsächlich äußert sich der Papst seit Wochen in der Serie „Vaterunser“ des katholischen Fernsehsenders TV2000. Darin erläutert der Gefängnisseelsorger Marco Pozza in 50-minütigen Folgen die Verse des Gebets – und jede Folge beginnt mit einem kurzen Gespräch mit dem Papst. Auch die am 6. Dezember zur Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“. Das Gespräch dauerte zweieinhalb Minuten, meist redete Pozza.

Er führte auch die Erklärung ein, es sei nicht Gott, sondern der Satan, der uns versucht. „Ich kann nicht glauben, dass Gott mich versucht“, so Pozza. Der Papst bestätigte das und lobte in diesem Zusammenhang die neue französische Übersetzung. „Nicht Gott schubst mich in die Versuchung, um zu sehen, wie ich gefallen bin. Nein. Ein Vater tut das nicht ... Wer in Versuchung führt, ist Satan. Das Gebet will sagen: Wenn Satan mich in Versuchung führt, dann gib du, Gott, mir deine Hand.“

Ein Gebet, gedeutet im Licht der Barmherzigkeit Gottes

Der Papst deutet hier das Gebet, dessen Wortlaut uns Matthäus und Lukas überliefert haben, im Licht seiner Theologie der Barmherzigkeit. Das ist seelsorglich hilfreich. Dennoch ist der biblische Wortlaut unumstritten, und der Neutestamentler Thomas Söding spricht für fast alle Theologen, wenn er sagt: „Seit Martin Luther ist die deutsche Übersetzung des Vaterunsers ein und dieselbe. Sie ist präzise, und sie ist tief.“ Auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf betont, die deutsche Übersetzung entspreche „genau dem griechischen Urtext“ – und das sei die einzige Quelle, die wir haben. 

Zudem hilft die Variante „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ nicht wirklich weiter. Denn wenn wir in Versuchung geraten: Warum hat Gott dann Satan die Oberhand gegeben und zugelassen, dass der uns in Versuchung führt? 

Nein, um ein Gebet zu verändern, das seit Jahrhunderten im Mund und im Herzen ist, das die Konfessionen verbindet und sehr nah am biblischen Ursprung ist – dafür reichen die Argumente nicht aus.

von Susanne Haverkamp