27.09.2017

Gibt es noch die mitfühlende Gesellschaft?

Die Herzlosigkeit der Gaffer

Wie kann es sein, dass ein Mann einen sterbenden Motorradfahrer filmt, statt ihm zu helfen? Warum steigen drei Leute in einer Bank über einen schwerverletzten Rentner hinweg? Ein Experte nennt Ursachen – und erklärt, wie unsere Gesellschaft wieder mitfühlender werden kann.


Montage: imago
Fernab der Realität: Gaffer driften durch die Filmerei mit ihrem Smartphone in eine virtuelle Welt ab. Montage: imago/Jochen Tack


In Ulm hat ein Gaffer nach einem Motorradunfall dem Fahrer nicht geholfen. Er hat den sterbenden Mann stattdessen mit dem Handy gefilmt – und dabei später sogar die Rettungskräfte behindert.

In Essen sind drei Kunden in einer Bank über einen Rentner hinweggestiegen, der nach einem Sturz schwerverletzt am Boden lag. Kurz darauf starb der Mann. Vor Gericht sind die Kunden nun verurteilt worden.

Zwei Fragen bleiben aus diesen beiden Fällen: Wie kann es sein, dass Menschen in einer existenziellen Notlage nicht helfen? Verliert unsere Gesellschaft die Empathie? Es gibt dazu keine Statistiken, und Experten warnen davor, aus einzelnen Beispielen einen allgemeinen Trend abzuleiten. Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg, erinnert daran, dass schon im Gleichnis vom barmherzigen Samariter von unterlassener Hilfeleistung die Rede gewesen ist: „Neu sind solche Formen der Herzlosigkeit also nicht.“ Möglicherweise, so Wagner, hätten wir Fälle wie den in der Essener Bank in den vergangenen Jahren nur deshalb vermehrt entdeckt, weil sie immer häufiger von Kameras aufgezeichnet werden. Das sei aber kein Grund für eine Entwarnung. Auch wenige Fälle unterlassener Hilfeleistung seien schlimm genug.

Die Filmerei des Gaffers in Ulm sieht Wagner als Beispiel für „eine Form der Verrohung, die mit den neuen technischen Möglichkeiten erst in die Welt gekommen ist“. Alles mit dem Smartphone aufzuzeichnen, sei bei vielen Menschen zur Sucht geworden, sagt Wagner. Gaffer drifteten durchs Filmen in eine virtuelle Welt ab und seien unfähig, „die Realität und die darin vorkommenden Leiden überhaupt noch angemessen erkennen zu können“, so der Sozialpsychologe.


Voyeurismus im Netz muss geächtet werden

Unterlassene Hilfeleistung wie die in Essen habe dagegen häufig mehrere Ursachen, glaubt Wagner. Die Menschen redeten sich ein, sie hätten die Notlage des Opfers nicht erkannt; sie hätten nicht gewusst, wie man hätte helfen können; sie hätten sich selbst nicht in Gefahr bringen wollen; sie hätten keine Zeit gehabt. Wagner stellt klar, im Zeitalter der Handys seien diese Argumente als Entschuldigung nicht überzeugend: „Ein Anruf bei der Polizei hätte genügt.“

Der Sozialpsychologe betont, es sei wichtig, dass unsere Gesellschaft stärker diskutiert, wie ethisches Verhalten heute auszusehen hat. Dabei gehe es nicht nur um eine abstrakte Diskussion, sondern auch um konkrete Fragen: „Wann ist Hilfeleistung absolut zu erwarten? Und: Wie genau kann ich Hilfe leisten?“

Auch bei der Nutzung der neuen Medien sei es wichtig zu klären, was geht und was nicht, sagt Wagner: „Wir müssen es als unanständig ächten, wenn das existenzielle Leid anderer voyeuristisch ins Netz gestellt wird.“

Von Andreas Lesch