15.11.2017

Themenwoche "Gottes Bestseller. Die Bibel"

"Die Armen habt ihr immer bei euch"

... sagt Jesus im Evangelium. Egal ob im Alten oder im Neuen Testament: Arme und Armut sind eine Herausforderung in allen Schriften der Bibel. Das zeigt: Die Option für die Armen ist keine Vorliebe eines einzelnen biblischen Autors, sondern offensichtlich eine Option Gottes. Und das hat Konsequenzen bis heute. 


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 Die „Russische Bettlerin“ schuf Ernst Barlach 1907 nach einer Russlandreise. Doch die verhüllte Figur steht ebenso für die Armen aller Zeiten und Orte. Foto: akg-images


Armut sollte es nicht geben, gibt es aber

"Darum habe ich beschlossen, euch aus dem Elend Ägyptens hinaufzuführen in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ (Ex 3,17), sagt Gott zu Mose, als er ihm im brennenden Dornbusch begegnet. Das ist das Versprechen Gottes an sein Volk: keine Armut mehr, kein Hunger, keine Sklaverei. Stattdessen ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in dem alle gut leben können, vielleicht sogar im Überfluss. Allein: Es gelingt nicht. Armut ist im alten Israel eine allgegenwärtige Realität. Die Güter sind ungerecht verteilt, es gibt wenige Reiche und sehr viele Arme.

Warum ist das so? Historisch aufgrund der politischen Umstände. Die Einführung des Königtums im 10. Jahrhundert vor Christus sorgte dafür, dass immer mehr Land in den Besitz des Königs überging – der dies teilweise an eine adelige Oberschicht weitergab. Das verwandtschaftliche Sicherungssystem, in dem Sippen füreinander sorgen, auch etwa für die besonders benachteiligten Witwen und Waisen, zerbracht; freie Bauern verloren ihr Land und gerieten in Armut. Eine biblische Geschichte erzählt davon:

Die Geschichte von Nabots Weinberg:
Nabot aus Jesreel hatte einen Weinberg in Jesreel neben dem Palast Ahabs, des Königs von Samarien. Ahab verhandelte mit Nabot und schlug ihm vor: Gib mir deinen Weinberg! Er soll mir als Gemüsegarten dienen; denn er liegt nahe bei meinem Haus. Ich will dir dafür einen besseren Weinberg geben. Wenn es dir aber lieber ist, bezahle ich dir den Kaufpreis in Geld. Doch Nabot erwiderte: Der Herr bewahre mich davor, dass ich dir das Erbe meiner Väter überlasse. Darauf kehrte Ahab in sein Haus zurück. Er war missmutig und verdrossen, weil Nabot aus Jesreel zu ihm gesagt hatte: Ich werde dir das Erbe meiner Väter nicht überlassen. Seine Frau Isebel kam zu ihm herein und fragte: Warum bist du missmutig und willst nicht essen? Er erzählte ihr: Ich habe mit Nabot aus Jesreel verhandelt und ihm gesagt: Verkauf mir deinen Weinberg für Geld, oder wenn es dir lieber ist, gebe ich dir einen anderen dafür. Doch er hat geantwortet: Ich werde dir meinen Weinberg nicht geben. Da sagte seine Frau Isebel zu ihm: Du bist doch jetzt König in Israel. Steh auf, iss und sei guter Dinge! Ich werde dir den Weinberg Nabots aus Jesreel verschaffen (...) Es kamen zwei nichtswürdige Männer. Sie standen vor dem Volk als Zeugen gegen Nabot auf und sagten: Nabot hat Gott und den König gelästert. Sogleich führte man ihn aus der Stadt hinaus und steinigte ihn zu Tode. Sobald Isebel hörte, dass Nabot gesteinigt wurde und tot war, sagte sie zu Ahab: Auf, nimm den Weinberg Nabots aus Jesreel in Besitz, den er dir für Geld nicht verkaufen wollte; denn Nabot lebt nicht mehr; er ist tot. (1. Buch der Könige 21,1–16)

Es sind deshalb nicht nur die politischen Umstände, die zur Armut führen. Es ist die Ungerechtigkeit und der Machtmissbrauch der Reichen gegenüber den Armen. Wenn alle die Gebote Gottes halten würden, sähe die Welt gerechter aus.

Auch heute.
Denn auch heute wird Armen in aller Welt Land weggenommen. Große Konzerne kaufen es für wenig Geld, die Bauern gehen in die Städte und verarmen oder verschulden sich bei den Konzernen. Die Alternative steht im Buch Deuteronomium: „Es sollte bei dir gar keine Armen geben; denn der Herr wird dich reich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt und das du in Besitz nimmst, wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst, auf dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, achtest und es hältst.“ (Dtn 15,4-6).

 

Wer die Gesetze nicht hält und die Armen benachteiligt, muss mit Gottes Strafe rechnen

Das Alte Testament rechnet damit, dass Gott sehr praktisch eingreift. Besonders bei den Geboten zum Schutz der Armen kennt Gott kein Pardon. „Ich habe die Schreie der Armen gehört ...“ (Psalm 22,25). Besonders die Propheten sind mit ihrer Sozialkritik sehr deutlich. Bei Amos heißt es: „Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.“ (Amos 8,4-7).

Der Einmarsch der Babylonier und die babylonische Gefangenschaft werden deshalb als Strafe Gottes interpretiert. „So spricht der Herr: Wegen der Verbrechen, die Israel beging, schicke ich Feuer gehen Juda: weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen.“ (Amos 2,6-7).

Jesus sieht die Sache mit Lohn und Strafe weniger irdisch, aber nicht weniger streng. Bei ihm entscheidet der Umgang mit den Armen den Ausgang des Weltgerichts: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben ...“ (Matthäus 25,35).


Und heute? 
Auch heute gibt weltweit sklavenartige Arbeitsverhältnisse, Menschenhandel und Willkür der Mächtigen. Und europäische Konsumenten profitieren davon. Aber auch bei uns gibt es das. So bezeichnete erst gerade der katholische Prälat Peter Kossens den Umgang mit osteuropäischen Leiharbeitern in der Schlachtindustrie als „moderne Sklaverei“. Der Unterschied zur Bibel: Wir rechnen nicht mehr wirklich mit Gottes Strafe. 

 

Die Armen und das Himmelreich

In der Bibel gibt es kein Armutsideal, als ob es gut wäre, arm zu sein. Armut ist Elend und überhaupt nicht gut. Dennoch ist durchgehend bezeugt: Gott steht auf der Seite der Armen. Bei Jesus wird das zu einem durchgehenden Modell: „Die Hungernden beschenkt Gott mit seinen Gaben“, singt die schwangere Maria (Lukas 1,53). „Ich bin gekommen, den Armen die frohe Botschaft zu verkünden“, zitiert Jesus in seiner ersten Predigt den Propheten Jesaja (Lukas 4,18). Selig sind die Armen; die Ersten werden die Letzten sein; der arme Lazarus ruht im Schoß des Abraham; das kleine Opfer der armen Witwe – die Reihe der „Armenevangelien“ ist fast endlos. Und auch für Paulus ist das „Evangelium der Armen“ zentral. Im ersten Korintherbrief heißt es: „Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt.“ (1 Kor 1,26-28). Entsprechend muss sich die Gemeinde verhalten: „Was ihr bei euren Zusammenkünften tut, ist keine Feier des Herrenmahls mehr; denn jeder verzehrt sogleich seine eigenen Speisen, und dann hungert der eine, während der andere schon betrunken ist. Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?“ (1 Kor 11,22).
Seit Paulus ist es auch üblich, dass reiche Gemeinden ärmere unterstützen – und es ist von Anfang an unbeliebt: „Es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen, wie es in der Schrift heißt: Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel, und wer wenig, hatte nicht zu wenig.“ (2 Kor 8,13-15).

Und heute?
Heute sind wir immer noch aufgefordert, von unserem Überfluss abzugeben, und viele tun das auch. Durch Spenden hier bei uns, durch Partnerschaften in aller Welt. Dass Gott aber ganz besonders auf der Seite der Armen steht, das ist in unserer bürgerlich-satten Kirche allenfalls theoretisch einsichtig.


Weil es Armut gibt, gibt es Sozialgesetze

Die Tora, die Gesetzbücher des Alten Testaments, sind voll von konkreten Maßnahmen, die die Armut eindämmen sollen. Viele dieser Gesetze Gottes, denn als gottgewollt werden sie verstanden,
enden mit immer derselben Begründung: Kümmert euch um die Armen, „weil auch ich euch aus dem Armenhaus in Ägypten herausgeführt habe“.
Einige Beispiele biblischer Gesetze sind: 
Die Armen dürfen Nachlese halten auf den abgeernteten Feldern (Levitikus 19,9-10).
Was in einem Brachjahr von selbst auf den Feldern wächst, gehört den Armen (Exodus 23,11).
Die Steuer, der zehnte Teil der Ernte, wird alle drei Jahre ausschließlich an die Armen verteilt (Deuteronomium 14,28-29).
Es ist verboten, Zinsen zu nehmen, damit die Armen sich nicht überschulden (Levitikus 25,35-38).
Lebensnotwendiges wie die Handmühle, den Mantel oder das Kleid darf man nicht als Pfand nehmen (Deuteronomium 24,6.10-13.17).
Schuldsklaverei ist auf sechs Jahre beschränkt (Exodus 21,2-6).
Alle sieben Jahre gibt es einen allgemeinen Schuldenerlass (Deuteronomium 15,1–11).

Und heute?
Heute haben wir in Deutschland viele Sozialgesetze, die dafür sorgen, dass jeder Nahrung und ein Dach über dem Kopf haben kann. Damit haben wir aber viel Verantwortung an den Staat delegiert. Der kümmert sich schon. Und der Zusammenhang von Gottessorge und Menschensorge ist längst verloren gegangen. Zudem: Nicht überall ist es wie in Deutschland. In vielen Ländern der Erde wären die Armen froh, wenn diese 3000 Jahre alten Sozialgesetze für sie gelten würden. Nicht selten fliehen sie deshalb aus diesen Ländern. Verständlich, oder?

 

Wo die Sozialgesetze nicht reichen, sind die Einzelnen gefordert

Weil trotz aller Maßnahmen die Armut im alten Israel zunimmt, wächst das Almosenwesen. Dabei bedeutet Almosen im Hebräischen wörtlich übersetzt „Gerechtigkeit“: Auf das, was die Armen erhalten, haben sie ein Recht. „Die Gabe für die Armen ist kein Akt herablassender Gnade, sondern ein Akt der Herstellung von Gerechtigkeit“, schreibt der Alttestamentler Hans Kessler. Weil dennoch bei individuellen Gaben einzelner Reicher an einzelne Arme die Gefahr der Abhängigkeit bleibt, wird später Armenfürsorge als Aufgabe der Gemeinde verstanden. „Am Tempel wird eine Armenkasse eingerichtet, die das Vorbild der Armenversorgung in den Synagogen und später den christlichen Gemeinden wird.“ Bis heute.