Als Eva Nowak sich dazu entschloss, Hebamme zu werden, freute sie sich besonders darauf, werdendes Leben begleiten zu dürfen. Längst hat ihr die Erfahrung gezeigt, dass der Anfang des Lebens nicht selten auch ganz unmittelbar mit dem Ende konfrontiert ist.

Eine Hebamme untersucht ein Säugling. Die Arbeit einer Hebamme hat dabei nicht nur mit Leben,
sondern oft auch mit Tod zu tun.
Gerade ist Eva Nowak von einem Seminar über den Umgang mit Spätabtreibungen zurück. Der Flyer von der Veranstaltung liegt noch auf ihrem Schreibtisch, die Eindrücke sind noch frisch. Wenn Sie redet, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Zum Beispiel über eine Familie, die sie begleitet hat. „Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, dass das Kind ohne Gehirn auf die Welt kommen würde“, sagt die Hebamme.
Die Mutter entschloss sich, das Kind dennoch auszutragen. „Bis es so weit war, konnte sich die ganze Familie darauf einstellen, dass Marlene nicht lange bleiben würde.“ Noch heute sieht die 53-Jährige vor sich, wie das Kind acht Stunden nach der Entbindung in den Armen der Mutter starb. Eltern und Geschwister konnten das Mädchen kennen- lernen, es während einer kurzen, aber intensiven und wertvollen Zeit begleiten, schließlich Abschied nehmen, loslassen.
In anderen Fällen entscheiden sich Eltern solch „fehlgebildeter“ Kinder – Nowak mag das Wort „Missbildung“ nicht –, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. „Manche Mütter können mit der Gewissheit, ein behindertes Kind zu erwarten, nicht leben“, sagt die Hebamme. Bei ihrer Arbeit muss Eva Nowak Neutralität wahren; nicht immer fällt ihr das leicht, zumal nur selten jemand für die Rechte des Ungeborenen eintritt. „Wenn klar ist“, sagt sie, „dass man sein Kind in Kürze verlieren wird, sollte man abwägen, ob man den Zeitpunkt für das Ende nicht vielleicht doch dem Schöpfer überlassen soll ...“
Man bestellt – und alles hat perfekt zu sein
90 Prozent der Down-Syndrom-Kinder werden abgetrieben, weiß Eva Nowak. „Für viele Menschen gelten Behinderte noch immer als Schande“, sagt sie; „schließlich leben wir in einer Konsumgesellschaft, in der es auf Leistung ankommt. Man bestellt – und es hat alles genau so zu sein, wie man es in Auftrag gegeben hat.“ Erst kürzlich hat die Hebamme eine Frau begleitet, die in der 27. Schwangerschaftswoche einen Abbruch vornehmen ließ. Bei der kleinen Hannah sei Trisomie 18 diagnostiziert worden, erzählt Nowak, eine Chromosomenstörung, die in den meisten Fällen tödlich verläuft, zum Teil noch im Mutterleib. „Die Frau konnte es einfach nicht bis zur Geburt aushalten und wollte sich nicht länger quälen; der Schmerz war unermesslich groß“, sagt die Hebamme. Noch immer hat sie Kontakt zur betroffenen Mutter, deren größter Schatz heute die Fotos ihres toten Kindes sind.
Eva Nowak will sich nicht als Richterin aufspielen – das sei auch gar nicht ihre Aufgabe, sagt sie. Die Hebamme verurteilt niemanden für die Entscheidung, in den „Plan Gottes“ einzugreifen. Dennoch ist sie froh, dass der Fall der kleinen Hannah sie nicht innerlich zerrissen hat. „Man muss sich die Absurdität bewusstmachen“, sagt sie: „Da der Fötus ab der abgeschlossenen 24. Schwangerschaftswoche als überlebensfähig gilt, töten Ärzte – die unter normalen Umständen in diesem Stadium alles dafür tun würden, um das Leben des Ungeborenen zu retten – das Kind noch im Mutterleib ab.“ Nowak steht den betroffenen Frauen bei und trägt sie in ihrer Entscheidung mit. Gleichzeitig weiß sie um die möglichen Spätfolgen: „Oftmals werden die Frauen irgendwann davon überrollt; der Verlust bleibt immer. Man muss damit leben.“
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| Die Hebamme Eva Nowak vor ihrem Behandlungsraum. |
„Viele fallen in ein Loch, versuchen zu verdrängen“
Als Hebamme achtet Eva Nowak besonders auf den körperlichen Zustand der Frauen, die sie begleitet. Außerdem bietet sie seelische Unterstützung an, macht Gesprächsangebote und vermittelt psychologische Hilfe, um eine Abtreibung therapeutisch zu verarbeiten. „Manche Frauen sind nach einem Schwangerschaftsabbruch wie in Trance“, erzählt sie. „Viele fallen in ein Loch, versuchen, zu verdrängen, sich zu betäuben, zum Beispiel durch Arbeit.“ Gemeinsam mit den Betroffenen sucht sie nach Antworten, versucht Licht ins Dunkle zu bringen. „Nicht selten fühlen sich die Frauen von Gott bestraft“, sagt Nowak. „Diesen Druck versuche ich zu nehmen. Ich möchte vermitteln, dass niemand die Garantie zum Leben hat; es ist und bleibt ein Wunder.“
Vieles, was die Hebamme in ihrem Berufsalltag erlebt, kann sie im Gebet abgeben. Fragen nach dem Warum stellt sie nicht mehr. Und doch fällt es ihr manchmal schwer, etwas, das sie mit dem Kopf nachvollziehen kann, auch mit dem Herzen anzunehmen. „Eine Abtreibung ist nie ‚spät‘“, sagt Eva Nowak und legt den Flyer des Seminars zur Seite. „Menschsein beginnt schon im Mutterleib – man ist Mensch von Anfang an.“
Ulrike Schwerdtfeger
