02.10.2013

Umgang mit Liedanzeigern

Den „Unruhestifter“ bändigen

Die einen wollen ihn nicht missen, andere ihn am liebs-ten loswerden. Der elektronische Liedanzeiger ist umstritten. Was tun, damit moderne Technik nicht zum Störenfried des Gottesdienstes wird?

Sabine ist aufgeregt. Sie hat an ihrer Fürbitte gefeilt und muss sie nun erstmals vor der ganzen Gemeinde vortragen: „Wir beten für alle Menschen und ihre Familien, die unter Arbeitslosigkeit und Armut leiden. Sei du ihnen Kraft und Trost und hilf, dass sie wieder Arbeit finden.“ Die junge Frau hat den zweiten Satz noch nicht ganz beendet, da greifen alle Mitfeiernden nahezu gleichzeitig zum Gotteslob und blättern geschäftig darin herum. Auf der Leuchtfläche ist bereits das Lied zur Gabenbereitung angezeigt. Das gemeinsame „Wir bitten dich, erhöre uns“ kommt ihr nur vor wie eine Floskel. Sabine ist enttäuscht. Die anteilnehmende Unterstützung durch die Gemeinde hätte ihr viel bedeutet.

Wird ein Text gesprochen, bleibt der Anzeiger aus

„Eine unsensible Bedienung des Liedanzeigers kann den liturgischen Dialog  gravierend stören“, meint Martin Tigges, Referent für Kirchenmusik im Bistum Osnabrück. Oft komme es zu solchen Fehlern durch Unachtsamkeit. Für das Anzeigen der Lieder gebe es kein Standardrezept, räumt der Organist ein. Er bemühe sich jedoch, wenn er den Zahlengeber bedient, ihn auf den Verlauf der Liturgie abzustimmen. Manchmal sei es nötig, Lieder mit Vorlauf anzuzeigen, etwa das Eröffnungslied. Andere Gesänge, wie das Agnus Dei, zeigt Tigges sehr knapp an.
Grundsätzlich empfiehlt der Experte: „Den Liedanzeiger nicht aufleuchten lassen, während eines Gebetes, einer Lesung oder wenn ein anderer Text gesprochen wird.“ Sonst beschäftigten sich die Zuhörer mehr mit dem Suchen als mit dem Zuhören. Hilfreich sei es, vor allem bei wechselnden Organisten, einen stichpunktartigen Infozettel am Orgelspieltisch anzubringen. Dort sollte genau notiert werden, wann am besten welcher Gesang anzuzeigen ist (siehe: TIpps). Auf jeden Fall sind Absprachen unerlässlich.
Wäre ein Verzicht – wie manche wünschen – auf die moderne Technik eine Lösung und zu den älteren Liedtafeln zurückzukehren, auf die vorm Gottesdienst bereits alle Liednummern aufgesteckt wurden? „Davon rate ich dringend ab“, sagt Rolf Esser vom Gemeinderat St. Josef in Gladbeck. In der Franziskuskirche seiner Pfarrgemeinde seien die Tafeln „endlich“ abgeschafft worden, und alle mit dem elektronischen Liedanzeiger „überaus zufrieden“. Die Nachteile sieht er vor allem darin, dass das Aufstecken zeitaufwendig ist, und in der mangelnden Flexibilität. „Stellt man fest, dass sich die Gemeinde beim jeweiligen Gottesdienst anders zusammensetzt als erwartet, etwa mehr Kinder dabei sind oder Jugendliche, kann man den Liedablauf nicht mehr zielgruppenorientiert verändern.“

Die Hauptsache ist: Alle singen kräftig mit

Begeistert von der Lösung in seiner Kirche ist Pfarrer Ewald Biedenbach aus St. Heinrich in Kaufungen bei Kassel. „Wir haben die Schwierigkeiten mit einem Laptop plus Beamer gelöst.“ Dadurch sei es möglich, selbst ganze Strophen von der Orgelempore hoch in den Chorraum zu projizieren. Das störende Blättern falle somit weg. Mit Humor nimmt man das Für und Wider um den „Unruhestifter im Gottesdienst“ im bayrischen Leiblfing. Im Gemeindebrief schreibt Pfarrer Leo Heinrich: „Ganz gleich, ob Liedertafel oder elektronische Liedanzeige – singen Sie bitte kräftig mit!“ Schon Augustinus sagte: „Wer singt, betet doppelt.“
Heike Sieg-Hövelmann