„Wohnt hier Gott?“, fragen manche Kinder, wenn sie erstmals eine Kirche betreten. So ähnlich dachten Menschen in der Antike. „Gott ist überall“, antworten aufgeklärte Gläubige. Aber was ist dann das Besondere an einer Kirche? Über den Unterschied eines Gotteshauses zum Haus Gottes.
David hatte einen Sinn für Fairness. Er selbst war nach vielen Wirren zur Ruhe gekommen. Er war unumstrittener König und lebte standesgemäß in einem festen Haus. Ein richtiger Palast war es vielleicht nicht, aber immerhin ein Haus aus wertvollem Zedernholz, das Schutz und einigen Komfort bot. Und wo wohnte Gott? Immer noch in einem Zelt! Das ist nicht fair!
Seit alter Zeit trugen die Juden Gott in einem Zelt mit sich. Seit damals, als Moses die Steintafeln mit den Zehn Geboten empfing. In diesen Steintafeln, so glaubten die Juden, war Gott ihnen besonders nah. Er war gegenwärtig in seinen Geboten. Wenn man diese Steintafeln bei sich trug, dann war Gott dabei, wohin immer sie gingen. Deshalb baute das Volk Israel eine Truhe aus Akazienholz, überzog sie mit Gold und legte die Steintafeln hinein. „Bundeslade“ nannten sie diese Truhe, denn sie war der Garant für den Bund zwischen Gott und seinem Volk.
Das alles war in Davids Zeiten schon lange her. Viele Juden waren in Israel sesshaft geworden. Sie hatten Städte gebaut, allen voran Jerusalem, die Hauptstadt mit dem Amtssitz von König David. Nur Gott, der hauste eben immer noch im Zelt. Das wollte David – wie die Lesung dieses Sonntags erzählt – ändern.
Der erste Tempel: ein Zelt und ein paar Säulen
Viel daraus geworden ist dann aber nicht. David holte das Zelt, die „Stiftshütte“, nur nach Jerusalem, ließ einen Vorhof drumherum bauen und ein paar Säulen und Schmuck. Davids Nachfolger Salomo ließ einen prächtigen Tempel errichten. Doch er hielt nicht lange: Bei den Kämpfen mit der Großmacht Babylon wurde er zerstört. Zwei Jahrzehnte vor der Geburt Jesu baute Herodes der Große endlich einen neuen, prachtvollen Tempel.
Auch wenn die alte Bundeslade unwiederbringlich verloren gegangen war: Dort war Gott gegenwärtig, dort wurde geopfert und nur der Hohepriester hatte Zugang zum Allerheiligsten. Sogar ein „Ewiges Licht“ brannte im Tempel, berichtet der römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, ein Licht als Zeichen der ewigen Gegenwart Gottes.
Ewiges Licht? Das kommt uns bekannt vor. Und doch, sagt der Eichstätter Liturgiewissenschaftler Jürgen Bärsch, ist eine christliche Kirche etwas ganz anderes als ein Tempel. „Sie ist eher so etwas, wie die Synagoge, die Jesus ja auch kannte: ein Ort der Versammlung und des Gebets.“
Die ersten Christen, so der Theologe, brauchten noch gar keine Kirchen. „Sie hatten ein sehr personales Verständnis von der Gegenwart Gottes. Sie glaubten an das Wort Jesu: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘“ Sie trafen sich in Wohnhäusern.
Später, als die Christen mehr und die Häuser zu klein wurden, baute man Kirchen. „Das waren Basiliken, die sich eher am Modell der Markthalle als an dem des Tempels orientierten“, so Bärsch. Erst nach der „Konstantinischen Wende“, als das Christentum im römischen Reich Staatsreligion wurde, änderte sich der Kirchbau. „Die Kirchen wurden politische Repräsentationsbauten, mit denen die Christen ihr neues Selbstbewusstsein darstellen wollten.“
Haus Gottes wird eine Kirche durch die Gläubigen
Inwiefern ist also eine christliche Kirche „Haus Gottes“? „Nur im übertragenen Sinn“, sagt der Eichstätter Liturgiewissenschaftler. „Gott ist in der Kirche nur insofern gegenwärtig, als Christen dort Gottesdienst feiern: in der Versammlung der Gläubigen und in der Feier der Eucharistie und der anderen Sakramente.“
„Nach der Reformation, als die Katholiken und Protestanten sich voneinander abgrenzen wollten, betonte die katholische Kirche das Heilige, das Sakrale in ihren Kirchen“, erläutert Jürgen Bärsch. „Die protestantischen Kirchen waren hingegen eher Versammlungshäuser für Predigt und Belehrung.“
Doch auch für katholische Kirchen gilt nach wie vor das Wort des heiligen Augustinus, der anlässlich einer Kirchweihe sagte: „Wir sind hier versammelt, um ein Haus des Gebets feierlich zu weihen. Dies hier ist also ein Haus für unser Beten, Haus Gottes dagegen sind wir selbst.“
Auch Gott scheint dieser Meinung zu sein. In der alttestamentlichen Lesung lacht er ein wenig über Davids Idee, ihm ein Haus zu bauen. „Ich bin überall gewesen, wohin du gegangen bist“, lässt er David ausrichten, und: „Ich werde dir ein Haus bauen!“
Dieses „Haus“, so Jürgen Bärsch, hat Gott in Jesus gebaut. Deshalb ist die Zusammenstellung der Texte an diesem Sonntag so interessant. „Gott baut sein Haus aus lebendigen Steinen, aus Maria zum Beispiel. In ihr wohnt Gott – wie in allen Getauften. Der Mensch, nicht ein Bauwerk, ist der wahre Tempel Gottes.“
Warum wir Gotteshäuser dennoch als heilig empfinden? Vielleicht, weil sie anders sind als alle anderen Bauwerke. Weil man in ihnen still werden und dem Geist Gottes lauschen kann. Dem Geist, der nicht in den Wänden, nicht im Weihrauch und nicht im Ewigen Licht steckt, sondern in unseren eigenen Herzen.
Susanne Haverkamp