Maria, Josef, das Jesuskind, ein paar Hirten, Engel, Ochs und Echsel - das klassische Krippenensemble. Den Neapolitanern reicht das nicht. Bei ihnen machen auch Fußballstars, Politiker und andere Prominente dem Jesuskind seine Aufwartung.

Neapel – ein Paradies für Krippenfans: In der Via San Gregorio Armeno, der Straße der
Krippenhändler, stehen neben Maria, Josef und dem Jesuskind auch Berlusconi, Pavarotti
und der Papst.
Für Angela Merkel gibt es keinen Rabatt. Die handgroße Figur der Bundeskanzlerin kostet 150 Euro. „Basta. Wie alle anderen auch“, sagt Genni Di Virgilio. Und ihr Nachbar zur Linken, Johannes Paul II.? Die Ausnahme folgt sogleich: Der Papst ist schon für 100 Euro zu haben. Schließlich sei er ja kleiner als „La Merkel“, erwidert der Krippenhändler. Das ist immerhin eine Ersparnis von 50 Euro für einen Größenunterschied von höchstens zwei Zentimetern. Die Preisbildung ist hier, in der Via San Gregorio Armeno, der Straße der Krippenhändler in der Altstadt Neapels, offensichtlich eine recht spontane Angelegenheit.
Die enge Gasse des „heiligen Gregor des Armeniers“ ist das Mekka aller Krippenfans, denen die Heilige Familie samt Ochs und Esel, drei Weisen aus dem Morgenland und einer Handvoll Hirten nicht genug ist. Der Krippenhändler Genni Di Virgilio führt einen der traditionsreichsten Familienbetriebe in der Straße, dessen Geschichte bis ins Jahr 1830 zurückreicht. Die neapolitanische Krippe verwandelt die Idylle der Heiligen Nacht in ein zünftiges Volksfest: Die Süditaliener erweitern das Stammpersonal des Weihnachtsevangeliums großzügig um Dutzende mehr oder weniger heilige Nebendarsteller: Angeheiterte Tavernenbesucher und begnadete Fußballer gehören ebenso zur unmittelbaren Nachbarschaft der Heiligen Drei Könige wie italienische Hausfrauen mit Nudelholz. Die klassischen Protagonisten der Heiligen Nacht, Hirten und Engel, werden zudem jeweils auf Regimentsstärke aufgefüllt.
50 Prozent Rabatt auf Silvio Berlusconi
In diesem Jahr ist in Di Virgilios Geschäft eine der weniger heiligen Figuren besonders gefragt: Silvio Berlusconi. Der im November zurückgetretene Ministerpräsident aus Terracotta zähle in dieser Saison zu den meist-verkauften Figuren, berichtet Di Virgilio. Der Cavaliere ist jedoch auch als Krippenfigur offenbar ein Auslaufmodell: „50 Prozent Rabatt“ steht auf einem Zettel in der Auslage. Den vollen Preis muss der Krippenfreund hingegen für den zweiten Publikumsliebling in diesem Jahr, Apple-Gründer Steve Jobs, berappen. Der Guru der Computerbranche ergänzt das Geschenksortiment der Heiligen Drei Könige für das Jesuskind um einige i-Pads, die er unter dem Arm trägt.
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Ein Gruß für das Jesuskind: Auch Startenor Luciano Pavarotti wird als Krippenfigur angeboten. |
Oberhalb des Talkessels von Neapel, allen Tagesmoden enthoben, verwaltet die Kunsthistorikerin Ileana Creazzo die größte Krippensammlung Italiens. Das auf einer Anhöhe über dem Hafen gelegene Nationalmuseum St. Martin beherbergt in einer ehemaligen Klosterküche Tausende von Krippenfiguren und Requisiten aus fünf Jahrhunderten. Die größte Krippe umfasst mehrere Hundert Personen und Tiere. Die Heilige Familie ist in diesem Volksauflauf erst auf den zweiten Blick auszumachen.
Die Tradition der Krippen sei in Neapel auch heute noch sehr lebendig, sagt Creazzo. Dafür spricht nicht zuletzt der Geräuschpegel im Museum, der mit dem eines Grundschulhofs vergleichbar ist. Während die Touristenmassen in der Altstadt im Archäologischen Nationalmuseum die waffenstarrende „Alexanderschlacht“ bestaunen, eines der berühmtesten Mosaike der Antike, pilgern die Schulklassen Neapels zur Krippenschau. Anfangs hielt sich der Erfindungsreichtum der Süditaliener noch in engen Grenzen. Das zusätzliche Krippenpersonal entstammte zunächst dem Alten Testament und der griechischen Mythologie, wie Creazzo erläutert. Das Volk hält erst im 17. und 18. Jahrhundert Einzug in die Krippenwelt Neapels, erläutert die Kunsthistorikerin; nun allerdings nicht mehr in Lebensgröße, sondern im familienfreundlicheren Format für Privathäuser. Die Figuren sind zumeist aus Holz, im Inneren befindet sich ein Drahtgerüst, Arme und Beine sind oft beweglich. Diese neapolitanischen Krippen hätten selbst einem so kunstsinnigen und rationalistischem Mann wie Goethe gefallen, erzählt Creazzo mit einem sicheren Gespür dafür, wie man deutsche Besucher am leichtesten beeindruckt.
Der Heiligen Familie noch nicht den Rang abgelaufen
„Das Jesuskind geht am schnellsten verloren, weil es am kleinsten ist“, sagt die Fachfrau für Krippen. So fehlt in der Krippe aus San Giovanni a Carbonara der eigentliche Hauptdarsteller. Die Figur fiel einem Bombenangriff der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Wer sich jedoch nicht nur die Auslagen vor den Geschäften anschaut, sondern auch ins Innere der Läden vordringt, lernt, dass die Berlusconis und Jobses dieser Welt der Heiligen Familie durchaus noch nicht den Rang abgelaufen haben.
Der eigentliche Standort einer Krippe ist jedoch auch am Fuße des Vesuvs nicht das Ladenregal oder die Museumsvitrine, sondern das heimische Wohnzimmer. Der Aufbau der Krippe kann bei all den Menschenmassen und Tierherden allerdings schon mal etwas aufwendiger sein. Dafür haben die Italiener jedoch auch eine längere Vorlaufzeit. Traditionell, berichtet Creazzo, werde die Krippe schon am 8. Dezember aufgebaut, dem Fest Mariä Empfängnis.
Thomas Jansen
