10.10.2012

Ein Finanzsystem ohne Zinsen soll dafür sorgen, dass Besitz nicht so sehr fesselt

Befreit euch vom Geld!

Der junge Mann ging traurig fort, er hatte ein großes Vermögen. Das klingt absurd. Aber im Evangelium wird deutlich, wie Besitz hindern kann, sich auf die Sache Gottes einzulassen. Es geht auch anders …

Für Thomas Ruster ist das die „klare und radikale Botschaft“ des Evangeliums von diesem Sonntag. Ruster, Professor für katholische Theologie an der TU in Dortmund, ist überzeugt: „Jesus fordert von dem jungen Mann einen radikalen Systemwechsel, eine andere Art, mit den Menschen, aber auch mit Dingen, Ressourcen und Gütern umzugehen. Anders gesagt: ein anderes Wirtschaften.“ Um ein Leben zu leben, das Gott gerecht wird. Denn es geht auch anders. Vor vier Jahren stellte Ruster mit drei Mitstreitern, einer Theologin, einem Wirtschafts- und einem Politikwissenschaftler, das Konzept einer „biblischen Ökonomie“ vor, eine Wirtschaftslehre auf Grundlage der Bibel. Damals hatte die Bankenkrise begonnen. Die Überschuldung vieler Staaten wurde deutlich.

Die Anhänger der „Occupy“- Bewegung in ihrem Lager vor den Bankentürmen in Frankfurt/Main.                                     Foto: epd

„Wir wollen zeigen, dass schon die Bibel weiß: Auf Dauer kann ein Wirtschafts- und Finanzsystem, wie wir es heute haben, nicht bestehen“, sagt Ruster. Dazu haben sie „9,5 Thesen“ vorgestellt, mit denen sie auf Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel anspielen. Die Grundlage der biblischen Ökonomie bildet vor allem das biblisch gut begründete Zinsverbot. Schon dem Volk Israel hat Gott verboten, für Geld noch für irgendein anderes Gut Zinsen zu nehmen. Dieses Zinsverbot wurde von Jesus aufgegriffen: „Ihr sollt leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein“, heißt es bei Lukas (6,35). Das Zinsverbot ist Grundlage für eine alternative Ökonomie, denn „der Vermögenszins sorgt dafür, dass Vermögen immer weiter wächst, auch unabhängig davon, ob etwas real erwirtschaftet worden ist“, so Ruster.  Damit wachsen Schulden stetig. „Je mehr Geld wächst, desto mehr muss erwirtschaftet werden – zum Beispiel auf Kosten natürlicher Ressourcen und gerechter Entlohnung.“ Endlose Wachstumsgier ist die Folge.

Die Verfechter der „9,5 Thesen“ schlagen ein Wirtschaftsmodell vor mit einer Währung ohne positiven Zins: „schrumpfendes“ Geld mit negativem Zins als Umlaufsicherung: Wird das Geld nicht investiert, verliert es an Wert. „Wenn ich das weiß, werde ich mich nach interessanten Angeboten erkundigen, das Geld bleibt im Umlauf und wird sinnvoll investiert“, erläutert Ruster. Er denkt an regionale Wirtschaftskreisläufe mit eigenen möglichst zinsfreien Komplementärwährungen, wie zum Beispiel die im Alpenvorland inzwischen von über 600 Geschäften akzeptierte Zweitwährung „Chiemgauer“. Ruster und seine Mitstreiter haben versucht, mit Vorträgen und Workshops vor allem Bistums- und Ordensleitungen zu überzeugen. Bisher meist vergeblich. Daher setzen die Initiatoren der „9,5 Thesen“ auf Kirchengemeinden. „Sie haben den entsprechenden Hintergrund vom Glauben her und sind außerdem als Teil der Weltkirche geeignet, weil sie sich regional und weltweit vernetzen könnten.“

Thomas Ruster und seine Mitstreiter favorisieren das Modell einer zinsfreien Währung in Kombination mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Das würde so funktionieren: Von der Währung – Ruster nennt sie Kirchenmark – bekommt jeder Teilnehmer 1600 Kirchenmark als Startkapital und ein monatliches Grundeinkommen von 400. Damit kann jeder auf einem Internetmarktplatz kaufen und verkaufen, Dienstleistungen anbieten und nachfragen.

Jeder kann Dienstleistungen anbieten und nachfragen

Herr Müller bietet zum Beispiel an, über Steuererklärungen zu schauen. Eine Arbeitsstunde kostet 35 Kirchenmark. Dafür kauft er Klavierunterricht für seine Tochter bei Frau Schmitz, die Stunde für 20 Mark. Frau Schmitz kocht zudem leckere Marmelade und bietet persönliches Fitnesstraining an. Das wiederum interessiert Frau Gebhardt und ihre Freundin. Die würden sich bei keinem Fitnesstudio anmelden, weil sie sich zu alt fühlen. Dafür bietet Frau Gebhardt sich als Leihoma an, für Kinder, die keine Großmutter mehr haben. Ihre Freundin hat derweil ihren Keller ausgeräumt. Vielleicht findet sie einen Liebhaber für die Jazzplattensammlung ihres verstorbenen Mannes. „Dieses System macht Menschen wieder zu Akteuren, gerade jene, die vom normalen ökonomischen Leben abgehängt sind, weil sie nur wenig Geld haben“, sagt Ruster. Sein Traum ist, dass sich immer mehr Gemeinden diesem System anschließen. Seine Initiative entwickelt gerade Coachingkurse, damit Menschen in Gemeinden diese Wirtschaftsform kennenlernen und einführen. Auch die könnten sich dann vernetzen – deutschlandweit oder sogar weltweit.

Das ist vielleicht utopisch. Andererseits finden sich unter mehr als einer Milliarde Katholiken doch Menschen, die bereit sind, an einem anderen Geldsystem teilzunehmen, in dem Besitz nicht so fesselnd ist wie für den reichen Jüngling. Geistesverwandte Mitstreiter aus der alternativen Finanzszene jedenfalls bestätigen Ruster: „Mensch, ihr in der Kirche, ihr seid doch so nah dran! Da müsste doch eigentlich was passieren!“

Peter Otten