19.07.2017

Zehn Jahre "Summorum pontificum"

Außerordentlich feiern

Vor zehn Jahren veröffentlichte der Papst das Schreiben „Summorum Pontificum“, das Priester erlaubt die „alte Messe“ zu feiern. Marius Linnenborn, Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts, zu Hintergrund und Folgen des Erlasses.


Foto: kna
Prachtvolle Gewänder und Rücken zum Volk: die „alte Messe“
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Was wollte Papst Benedikt XVI. mit dem Erlass erreichen?
Papst Benedikt hat selbst als Ziel seines Schrittes die „innere Versöhnung der Kirche mit sich selbst“ bezeichnet. Nach seinem Verständnis könne nicht eine Form der Messfeier, die in der Kirche lange praktiziert wurde, gänzlich abgeschafft werden. Allen, die an der früheren Weise der Messfeier hängen, sollte die Mitfeier ermöglicht werden. Durch seine Entscheidung wollte er deutlich machen, dass zwischen der erneuerten und der vorkonziliaren Form der Messe kein theologischer Bruch besteht. Ein großes Anliegen von Papst Benedikt war, zu einer Versöhnung mit der Piusbruderschaft zu kommen, die die nachkonziliare Reform der Liturgie ablehnt. Als Kardinal war er im Jahr 1988 in zähen Verhandlungen einer Einigung mit Erzbischof Lefebvre schon sehr nahe gekommen.
 

Wurden diese Ziele erreicht? Der Graben zwischen Anhängern und Gegnern der „alten Messe“ scheint nach wie vor groß.
Ich glaube, dass die Entscheidung von Papst Benedikt insgesamt zu einer Beruhigung der Diskussion und zum Abklingen der Emotionen geführt hat. Wer die heilige Messe in der bis zur Liturgiereform praktizierten Form mitfeiern will, wird heute die Gelegenheit dazu finden. Die Aussöhnung mit der Piusbruderschaft ist trotz intensiver Bemühungen bis heute allerdings nicht erreicht. Die Frage des Messritus ist ja nicht das einzige Thema in dieser Auseinandersetzung. Es geht um weitere zentrale Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils wie die Religionsfreiheit und die Ökumene, die von der Bruderschaft bis heute nicht anerkannt werden.


Hat die „alte Messe“ Zulauf, wird sie häufiger gefeiert? Lernen vermehrt Priester die Zelebration des alten Ritus?
Es handelt sich nicht um einen „alten Ritus“, sondern um die außerordentliche Form des einen römischen Ritus der Messe. Sicher wird heute an einigen Orten mehr als vorher die heilige Messe in dieser Form gefeiert. Einzelne Priester wurden eigens dazu beauftragt, um regelmäßige Messzeiten sicherzustellen. Es scheint mir aber, dass die Nachfrage eher in einigen Stadtzenten und an Wallfahrtsorten als in den normalen Pfarreien besteht, und dies auch regional sehr unterschiedlich. Nach meinem Wissensstand ist die Zelebration nach dem Missale Romanum von 1962 – das ist die letzte Ausgabe des Messbuchs vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – nicht Bestandteil der Priesterausbildung in den deutschen Diözesen.


 

Foto: Bistum Essen/Cronauge
Marius Linnenborn
Foto: Bistum Essen/Cronauge

Gibt es Wechselwirkungen zwischen der „alten“ und der „neuen“ Form der Messe? Regen sie sich gegenseitig an?
Die Fragen um die Form der Feier der Messe haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich Liturgie nicht im Tun des Menschen erschöpft: Gott ist immer der zuerst Handelnde. Wir Menschen antworten in Gebeten und Gesängen, in Riten und Symbolen, die eine sorgfältige ästhetische Gestaltung erfordern. Ich glaube, dass der Sinn für rituelles Handeln in der Liturgie und für die Notwendigkeit einer vertieften liturgischen Bildung in den letzten Jahren gewachsen ist. Inwieweit dies auf „Summorum Pontificum“ zurückzuführen ist, lässt sich schwer sagen. Grundsätzlich gilt für die Liturgie natürlich dasselbe wie für die Kirche überhaupt: Sie ist „semper reformanda“, sie muss sich stets erneuern und kann nicht einen bestimmten Zustand einfrieren. Deshalb ist auch die Weiterentwicklung der Feier des Gottesdienstes nie abgeschlossen.


Kritiker der außerordentlichen Form sagen, sie stehe für ein anderes Kirchenbild. Anhänger kritisieren, dass in der erneuerten Form der Sinn für das Heilige und für das Geheimnis verloren gegangen ist. Was stimmt?
Ein zentrales Anliegen der Liturgischen Bewegung seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die „participatio actuosa“, die „volle, bewusste und tätige Teilnahme“ an der Liturgie (Liturgiekonstitution Nr. 14), ist in der außerordentlichen Form der Messe sicher weniger erfahrbar und erkennbar als in der heute üblichen „ordentlichen“ Form. Es war ja der ausdrückliche Wille des Konzils, „eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten“ (Liturgiekonstitution Nr. 21). Die Konzilsväter haben zwar nicht alle Einzelheiten der Reformarbeit absehen und festlegen können, aber es steht für mich außer Frage, dass die Liturgiereform in Übereinstimmung und Kontinuität mit der „Konstitution über die heilige Liturgie“ von 1963 steht. Es ist nicht eine Frage des Messbuches, ob in der Liturgie die Gegenwart Gottes erfahrbar werden kann, sondern eine Frage der konkreten Gestaltung der Feier. Die Anforderungen an den Priester und alle liturgischen Dienste sind heute höher als früher. Auswahlmöglichkeiten erfordern sensible Entscheidungen in der Vorbereitung der Feier und zugleich auch die nötige Disziplin in der Umsetzung. Manche überflüssigen Wörter können die Atmosphäre des Gebetes eher stören oder sogar verhindern. Wenn die Gemeinde aber wirklich zum Gebet geführt wird, ist der Raum für die Begegnung mit Gott bereitet.

Interview: Ulrich Waschki