06.06.2017

Barmherzigkeit Gottes

598 Mal barmherzig

In der Lesung aus dem Buch Exodus heißt es: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.“ Warum aber neigen Gläubige mitunter dazu, vermeintlich sündigen Mitmenschen den Schädel einzuschlagen? Dazu Fragen an den Theologen Klaus von Stosch.


Foto: kna/imago(2)
Juden, Muslime und Christen: Alle glauben an die Barmherzigkeit Gottes
Fotos: Bild links und rechts von imago/ Bild mittig von kna

 

Wie ordnen Sie die Erzählung im Buch Exodus ein in der Reihe sonstiger Aussagen über Gott im Alten Testament?
Dies ist sicher eine ganz zentrale Äußerung, so direkt nach der Erneuerung des Bundes, bei der Mose die erneuerten Gesetzestafeln gegeben worden sind. Zuvor hatte das Volk Gott ja verraten, indem es das Goldene Kalb anbetete. Da macht Gott einen neuen Anfang. Insofern ist die erwähnte Barmherzigkeit etwas, das sich an ganz zentraler Stelle bewährt. Das gesamte Alte Testament ist voll von solchen Stellen, an denen Gottes Barmherzigkeit betont wird.
 

Wo in der Bibel treten solche Aussagen verstärkt auf?
Grundsätzlich in allen. Die Bibel betont aber neben der Barmherzigkeit auch Gottes Gerechtigkeit. Es ist interessant zu lesen, wie Gott immer wieder darauf achtet und hört, was die Menschen gerade brauchen – Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit.


Dies sind nun die beiden Pole, die wir Menschen nur schwer zusammenbekommen.
Genau. Aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit wäre Terror, wie ein jüdischer Religionsphilosoph einmal sagte. Wenn ich nur barmherzig wäre, könnte der Verbrecher eine Schandtat nach der anderen begehen. Insofern muss die Barmherzigkeit von Gerechtigkeit flankiert werden.


Es gibt im Alten Testament eine Reihe von Stellen, an denen Gott regelrecht rachsüchtig erscheint und Vergehen noch an der dritten und vierten Generation rächen will. Wie verstehe ich solche Rachetiraden vor dem eben Gesagten?
Die Stelle, der die Lesung entnommen ist, ist ja ein solches Beispiel. Am Ende kommt ja die Aussage, Unrecht an künftigen Generationen zu rächen. Ich muss solche Stellen im Zusammenhang sehen, als die andere Seite der Barmherzigkeit. Gott will nicht nur barmherzig sein, sondern uns ermöglichen, in die Barmherzigkeit einzustimmen …


 

Foto: kna
Klaus von Stosch, Professor für
Systematische Theologie an der
Universität Paderborn
Foto: kna

Dafür muss er erst so viel Druck machen?
Damit wir der Barmherzigkeit zustimmen können, muss es gerecht zugehen. Denn wenn ich Unrecht erlitten habe, wenn ich das Opfer bin, ist es sehr schwer zu akzeptieren, wenn es heißt: Schwamm drüber, allen Tätern wird vergeben. Es muss erkennbar sein, dass ein Verbrechen gesühnt wird. Auch wenn das nicht gleich in der ersten Generation gelingt. Ich muss darauf vertrauen können, dass das Böse in der Welt von Gott ernstgenommen und nicht einfach weggewischt wird.


Im Koran beginnt fast jede Sure mit der Formulierung „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“: Ist das eine Floskel oder ernsthaftes Bekenntnis?
Ja, das ist schon sehr ernst zu nehmen. Der Koran schreibt hier die Tradition der Bibel fort. Beide Bücher denken die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes zusammen. Im Koran wird keine Eigenschaft Gottes so oft beschrieben wie die Barmherzigkeit: 598 Mal. Die nächste Eigenschaft, Allwissenheit, wird kaum 100 Mal genannt. Im Leben und Sterben kann ich mich auf Gottes Barmherzigkeit verlassen – das ist die grundlegende koranische Aussage, eine zutiefst biblische


Das christliche Neue Testament enthält Stellen, in den Gott mit Liebe gleichgestellt wird. Andernorts wird gedroht, es werde Heulen und Zähneknirschen geben.
Das muss sein, damit Menschen seine Liebe akzeptieren können. Eine Liebe, die immer nur nett ist, wäre nicht menschlich. Leider hat die christliche Verkündigung der vergangenen Jahrzehnte oft den Eindruck erweckt, Gott sei nur lieb. Manche jungen Leute sind davon ziemlich genervt, wenn sie – etwa von ihren Relilehrern oder Katecheten – immer nur hören: Gott ist lieb. Das entspricht schlicht nicht der Bibel noch dem Koran und auch nicht den Erfahrungen, die wir im Leben machen.


Dass Gott Unrecht bestraft, bleibt erst mal nur eine Behauptung. Wie geschieht das?
In allen heiligen Büchern heißt es, dass Gott am Ende das Unrecht sühnen und für Gerechtigkeit sorgen wird. Katholisch wird das aufgefangen durch die Lehre vom Fegefeuer, in dem Gott den Menschen richtet, läutert und verwandelt. Gleichzeitig werden die Menschen in der Bibel wie im Koran gerufen, sich jetzt schon für Gerechtigkeit einzusetzen.


Einsatz für Gerechtigkeit ist das eine, brutale Bestrafung von Missetätern und vermeintlich Ungläubigen etwas anderes. Was treibt Menschen dazu, morgens und abends zum barmherzigen Gott zu beten und dazwischen „sündigen und ungläubigen“ Menschen den Schädel einzuschlagen?
Das hat damit zu tun, dass wir in der Bibel und im Koran die Spannung haben zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Letztere wird teils in sehr drastischen Bildern beschrieben. Das kann bei Menschen, die meinen, sie müssten dieser Gerechtigkeit jetzt schon zum Durchbruch verhelfen, zu ziemlich gruseligen Taten führen. Gott will, dass wir uns jetzt schon für Gerechtigkeit einsetzen. Aber er will nicht, dass wir für letzte Gerechtigkeit und Sühne sorgen. 


Woher kommt dann der religiöse Extremismus?
Das hat viel damit zu tun, ob man noch Ängste mitschleppt und dem eigenen Glauben nicht wirklich vertraut. Widerspruch zum eigenen Bekenntnis verunsichert einen zutiefst, so dass man sehr aggressiv gegen diese Widersprüche ins Feld zieht. Ich habe den Eindruck, dass der Fundamentalismus, der sich derzeit in allen Religionen Bahn bricht, Zeichen einer großen Verunsicherung unter Gläubigen ist. Die versuchen dann, den eigenen Kleinglauben, die eigenen Zweifel zu unterdrücken. Sie schaffen sich einen Gegner, den sie dann bekämpfen, um nicht auf die eigenen Zwiespälte schauen zu müssen. Wer zutiefst die je größere Barmherzigkeit Gottes erfahren hat, wird gelassener und ruht in seinem Gottvertrauen.

Von Roland Juchem